Im Angebot: Sex …

Breitbeinig, in High Heels und mit üppigem Dekolleté mustert Selima (Sofía Vergara) den Mann vor ihr. Sie lächelt leise und lüstern: „Nicht zu hübsch, nicht zu groß, kräftig – du gefällst mir.“ Nein, nicht mit einem James Bond spricht sie, sondern mit Fioravante (John Turturro). „Plötzlich Gigolo“ geworden ist der Florist mit den angegrauten Schläfen. Die Szene hat parodistische Züge, wie man sie in einem Film über männliche Prostitution erwarten würde, in dem sowohl ein Woody Allen in Höchstform als auch Sharon Stone mitwirken. Überrascht wird man stattdessen mit der mutmaßlich zärtlichsten melancholischen Komödie des Jahres.

Murray (Woody Allen, links) und Fioravante (John Turturro, rechts) bieten käuflichen Sex für Frauen.

 

„Menschen, die seltene Bücher suchen, sind selten geworden“, muss Murray (Woody Allen) traurig feststellen und das Buchantiquariat schließen, das sein Großvater einst in New York gründete. Unterschlupf findet er erst einmal bei einer afroamerikanischen Freundin und alleinerziehenden Mutter – und eine Einkommensquelle im Blumenverkäufer Fioravante.

 

Dem redet er ein, eigentlich ein toller Hecht zu sein. Murray will ihn für einen flotten Dreier an seine Hautärztin Dr. Parker (Sharon Stone) und deren Freundin Selima vermieten. Die Damen testen den Herrn zunächst einzeln. Sie sind aber so zufrieden, dass Murray das ganz große Geschäft mit Fioravante wittert. „Man kann Menschen dabei verletzen“, warnt dieser. Er wird Recht behalten.

Selima (Sofía Vergara) ist als Kundin mit Fioravante (John Turturro) zufrieden.

 

Bis hierhin hat John Turturro, der die männliche Hauptrolle spielt und das Drehbuch verfasst hat, schon ein paar hübsche Einfälle. Dank extravaganter langer Röcke beschäftigen Sharon Stones Beine die Fantasie, auch wenn sie nicht zu sehen sind. Für den Sex mit Fioravante bringt sich Selima mit der Beamer-Projektion uralter Basketball- Playoffs in Stimmung: „Was für Männer! Was für Bewegungen!“ Aber all das ist bloß lustiger Rahmen für den Auftritt von Vanessa Paradis.

 

Hierzulande kennt man die Französin fast nur als Verflossene von Johnny Depp. Was als Schauspielerin in ihr steckt, hat man schon lange nicht mehr gesehen. In „Plötzlich Gigolo“ spielt sie Avigal, die junge Witwe und Mutter von acht Kindern eines orthodoxen Rabbis. Vereinsamt beschäftigt sie sich manisch mit ihren Händen. Murray sieht das und weiß, wessen Berührung sie dringend nötig hat.

 

Sein Angebot kann sie nicht ausschlagen. Vor lauter Sehnsucht nach Nähe fehlt ihr dazu die Kraft. Das ist der Auftakt zu einer hochsensiblen Liebesgeschichte, von der nur die Bäume des Central Park mit ihrem schön vergänglichen, herbstroten Laub wissen dürfen. Dovi (Liev Schreiber), eine Art Tugendpolizist der orthodoxen jüdischen Gemeinde, der Avigal eifersüchtig überwacht, hat aber einen Verdacht und beobachtet heimlich ihre Treffen mit Murray und Fioravante.

Murray (Woody Allen, links) hat eine Idee: Er vermietet den Blumenverkäufer Fioravante (John Turturro) an die Damenwelt.

 

Mit „Plötzlich Gigolo“ hat John Turturro seinen inzwischen fünften Spielfilm gedreht – und vielleicht seinen besten. Während bei Woody Allen die Romanze womöglich ins Sentimentale oder Burleske abgeglitten wäre, schildert Turturro, einst mit der Titelrolle von „Barton Fink“ berühmt geworden, in feinsten Schwingungen die Befreiung und Entfaltung lang unterdrückter Emotionen.

 

Mit dem Thema des religiösen Fundamentalismus geht er weniger souverän um. Murrays Furcht, als ihn Dovi wegen seines Zuhälter-Gewerbes vor ein Tribunal orthodoxer Rabbis zerrt, lässt sich nicht mit einem Happy-End verscheuchen. Der zauberhaften Begegnung von Avigal und Fioravante tut dies jedoch keinen Abbruch.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Fading Gigolo
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Concorde
Laufzeit: 91 Min.