Grusel in Zeiten der Flachbildfernseher

„Poltergeist“ ist einer der deutschen Ausdrücke, die sich auch im anglophonen Sprachraum durchsetzten. Gehörig zu seiner Verbreitung beigetragen haben dürfte der gleichnamige US-Horrorfilm von 1982, der erstmals filmisch definierte, dass sich polternde Wesen gerne dem Verschieben, Werfen und Verschwindenlassen von Gegenständen widmen. Nun erhält der von Steven Spielberg produzierte Klassiker, dem zwei eher mäßige Fortsetzungen folgten, eine Neuauflage. Die 2015er-Edition von „Poltergeist“ verpflanzt das Genre ins digitale Zeitalter und zeigt, dass auch Hausgespenster mit der modernen Technik mithalten wollen. Die wunderbaren Darsteller führen zudem vor, wie man sich und eine recht hanebüchene Story nicht allzu ernst nimmt.

Zeig her deine Hände, HD-TV: Madison (Kennedi Clements) kommuniziert mit den Toten im Fernseher.

 

Jene Geschichte orientiert sich im Wesentlichen am damals überwältigenden Original: Familie Bowen zieht in ein neues Haus in einer Vorortsiedlung. Doch schon der Grund dafür zeugt von einer subtilen Aktualisierung des Films: Vater Eric (Sam Rockwell) hat seinen Job verloren, das alte Heim ist nicht zu halten, es muss etwas Billigeres her – das hätte es in den 80er-Jahren nicht gegeben! Doch kaum ist der Umzug überstanden, verhält sich etwas an der neuen Bleibe eigenartig. Zunächst bemerkt es nur Madison (Kennedi Clements), die jüngste Tochter. Sie spricht mit unsichtbaren Wesen im Flachbildfernseher (HD statt Klotz-Glotze) und informiert ihre Eltern lapidar: „Sie sind jetzt hier“.

 

Während Vater und Mutter (hinreißend von Rosemarie DeWitt verkörpert) zunächst mit Humor reagieren, fürchtet sich Madisons fragiler Bruder Griffin (Kyle Catlett) schon anfangs zu Tode. Völlig zu Recht: Auf mysteriöse Weise verändert sich das Haus, Lampen flackern, Bälle rollen, Türen schlagen. Natürlich sind die Poltergeister up to date und lassen auch digitale Gerätschaften nicht unbehelligt. Tablets leuchten aus dem Nichts auf, elektronische Laufbänder und Alarmanlagen spielen verrückt. Und das alles, während die große Teenager-Schwester Kendra (Saxon Sharbino) im Fernsehen ironischerweise Scripted-Reality-Sendungen über Geisterhaus-Reiniger schaut. Derlei Doppelbödigkeiten heben „Poltergeist“ vom bierernsten Standard-Horror ab.

Nur fliegen ist schöner: Madison (Kennedi Clements) wird von den Geistern der Toten in eine andere Dimension gezogen.

 

Doch das ist erst der Anfang: Als die Eltern eines Abends außer Haus sind, drehen die Geister völlig am Rad. Kendra wird im Keller von Zombiewesen in den Schlamm gezogen, Griffin während eines Gewitters von den dürren Fingern eines Baumes aus dem Bett geklaut – und Madison: verschwindet einfach im Kleiderschrank. Von nun an geht’s Schlag auf Schlag, „Poltergeist“ lässt sich gar nicht erst auf Sperenzchen wie Suspense- oder Psycho-Terror ein. Madison meldet sich durch den Fernseher aus einer Art Parallelwelt, in der die Seelen jener Toten auf Erlösung hoffen, die auf dem Friedhof begraben wurden, auf dem das Haus steht. Nichts zu machen – eine Expertin für paranormale Phänomene muss her, um sie zu retten.

 

Auf den ersten Blick ist „Poltergeist“ nicht sonderlich innovative Grusel-Kost. Hervorragend funktioniert die Inszenierung von Regisseur Gil Kenan erst bei genauerem Hinsehen, abseits der Handlungsebene. Der Film weiß, das der Zuschauer weiß, was passieren wird. Genau diese Erkenntnis macht sich „Poltergeist“ mit augenzwinkernden Verweisen zunutze. So kommt die Geisterjägerin (Jane Adams) trotz mannigfaltiger Gerätschaften nicht weiter und holt schließlich ihren Ex-Mann zuhilfe, jenen TV-Moderator namens Carrigan Burke, der die Geisterhaus-Show moderiert. Dessen wundervoller Darsteller Jared Harris frischt gemeinsam mit den anderen ausnahmslos hervorragenden, unterhaltsamen und witzigen Schauspielern die wohlbekannte Story wieder auf.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © 2015 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

© 2015 Twentieth Century Fox

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Poltergeist
Genre: Horror
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 94 Min.