Das verlorene Mädchen

Das indische Kino wird überwiegend als eines der lauten, grellen Farben wahrgenommen; ein explosiver Bilderrausch, in dem möglichst kitschig von der Liebe erzählt wird. Dabei wird viel getanzt und gesungen, und am Ende sind alle glücklich. Im konventionellen Gleichklang des hochproduktiven Kinos aus Bollywood war die poetische Liebesgeschichte „Lunchbox“ (2013) eine gelungene Abwechslung.

Auch die deutsch-indische Koproduktion „Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ offeriert eine weitere Facette der Kinokultur des Subkontinents: die des indischen Autorenfilms. Leise, aber entschlossen übt der Film Sozialkritik an der frauenfeindlichen indischen Gesellschaft, in der Mädchen keinen Wert haben und wie Freiwild behandelt werden. Basierend auf den Erinnerungen seines Großvaters inszeniert der Filmemacher Anup Singh eine dunkle Episode seiner Familiengeschichte.

Verloren zwischen den Identitäten: Kanwar (Tillotama Shome) wird als Junge erzogen.

 

Es ist das Jahr 1947: Britisch-Indien zerbricht, unüberwindbar sind die religiösen und ethnischen Konflikte. In der Folge entstehen mit Indien und Pakistan zwei unabhängige Staaten; viele Menschen werden vertrieben, werden heimatlos. Das Dorf des Sikhs Umber Singh (Irrfan Khan) wird nach der Abspaltung Pakistans von Indien von muslimischen Kämpfern überfallen. Ob er will oder nicht: Umber muss die Heimat mit seiner Familie verlassen. In der Fremde baut er sich ein neues, prächtiges Zuhause, alles scheint sich zum Guten zu wenden. Seine Frau Mehar (Tisca Chopra) ist erneut schwanger, und Umber hofft auf den ersehnten Nachfolger. Nichts wünscht er sich mehr als einen Sohn, der sein Erbe übernehmen kann.

Das Schicksal hat ihn verbittert: Umber Singh (Irrfan Khan) und seine Frau (Tisca Chopra).

 

Als ihm jedoch die vierte Tochter geboren wird, will er sein Schicksal partout nicht akzeptieren. Umber erzieht das Mädchen beharrlich wie einen Sohn. Er nennt ihn Kanwar (Tillotama Shome) – junger Prinz – und so behandelt er ihn auch. Auch die Tatsache, dass dieser vermeintliche Junge eines Tages seine Periode bekommt, leugnet sein sturer Vater konsequent: „Jetzt bist du ein richtiger Mann, mein Sohn.“ Als Kanwar schließlich Neeli (Rasika Dugal) heiraten soll, um weiterhin den Anschein der Normalität zu wahren, wird aus entwickelt sich die Lüge zu einer Katastrophe.

Der beste Sohn: Kanwar (Tillotama Shome) darf kein Mädchen sein - so will es sein Vater (Irrfan Khan).

 

Die Hauptrolle im inhaltlich und optisch düsteren Volksmärchen spielt Irrfan Khan, der in „Lunchbox“ brillant den lakonischen Einzelgänger gab. In der Rolle des vom Schicksal verbitterten Sikh, der als Vertriebener verbissen an den Traditionen seiner Vorfahren festhält, zeigt er weit mehr Facetten als die übrigen Darsteller. Umber bleibt bis zum Ende eine zutiefst zerrissene, tragische Figur, der selbst im Jenseits keine Ruhe vergönnt ist und die zum getriebenen Wanderer zwischen den Welten wird. Was dabei Wirklichkeit ist und was Traum, lässt sich nicht mehr sagen.

Trügerische Liebe: Neeli (Rasika Dugal, rechts) hat sich in Kanwar (Tillotama Shome) verliebt - nicht wissend, dass er eine Frau ist.

 

Die Szenenbilder dieses meditativ gehaltenen Films wirken wie eine unwirkliche, rudimentär ausgestattete Kulisse. Auch die reduzierte Bildsprache, die überwiegend aus langsamen Schwenks, Zooms und Fahrten besteht, kommt sehr altmodisch daher. Man taucht ein in eine fremde Welt vor unserer Zeit, so scheint es. Dabei ist „Qissa“ aktueller denn je. Die frauenfeindliche Gesellschaft, in der Mädchen missbraucht werden, und ums nackte Überleben kämpfen müssen, ist indische Realität.

 

Text: Heidi Reutter / Fotos: © Camino / Heimatfilm
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Qissa
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Camino
Laufzeit: 105 Min.