Ermittlungen in schönstem Düster-Grau

New York City im Jahr 1999. Inmitten von Millennium-Euphorie und Weltuntergangspanik schleicht der ehemalige Cop Matthew Scudder (Liam Neeson) als lizenzloser Privatdetektiv durch eine düstere Metropole. Seit er seine Arbeit als Polizist aufgeben musste, weil er betrunken um sich geschossen hatte, nimmt der nunmehr trockene Alkoholiker zwielichtige Jobs als Ermittler an. So gerät der famos aufspielende Neeson als mitgenommener Einzelgänger in „Ruhet in Frieden – A Walk Among The Tombstones“ auf die Spur brutaler Serienmörder, die ihre Opfer vergewaltigen und zerstückeln. Mit seinem packenden Thriller, der auf einem Hard-Boiled-Roman der bekannten Reihe über Detektiv Scudder basiert, gelingt Regisseur und Drehbuchschreiber Scott Frank ein eindrücklicher und atmosphärischer Film Noir mitsamt ironischer Brechung.

Bei seinen Recherchen findet Scudder (Liam Neeson) immer weitere Hinweise auf sadistische Serientäter.

 

Zunächst wirkt alles wie gehabt: Liam Neeson verkörpert einen gescheiterten Lonesome Rider mit Knarre und jeder Menge Abscheu für die Welt. Bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker bekommt jener abgefuckte Scudder das Angebot, die Entführer der gekidnappten Frau eines Drogendealers (Dan Stevens) ausfindig zu machen. In anderen Neeson-Filmen wie „96 Hours“ oder „Unknown Identity“ schlüge nun die Stunde des ballernden Helden. Doch anstelle der üblich folgenden Actionspektakel-Einlagen mitsamt Welt- und Ehrenrettung, präsentiert sich „Ruhet in Frieden“ als ästhetisch anspruchsvolles und ruhig erzähltes Kleinod von Noir-Thriller mit einer herausragenden Charakterentwicklung.

Ein Film noir, der diesen Namen verdient: "Ruhet in Frieden - A Walk Among The Tombstones" spielt die meiste Zeit in dunklen Ecken, bei Regen oder auf Friedhöfen.

 

Scudder alias Neeson nimmt den Job mit Widerwillen an und stößt auf weitere Opfer der sadistischen Täter, die des Drogendealers Gattin trotz sofortiger Lösegeldzahlung in einzelnen Körperteilen inklusive Tonbandmitschnitt der grausamen Tat zurückschickten. Die Ermittlungen führen den Ex-Cop in die beängstigende Unterwelt eines New Yorks, das man nach all den Hochglanz-Filmen nicht wiedererkennt: Dort, wo die Dunkelheit dominiert, der Regen unablässig gegen die heruntergekommenen Häuser schlägt, wo sich zwielichtige Typen im Neonlicht tummeln und Ratten durch den Nebel hetzen – dort ermittelt der grau gezeichnete und doch inmitten der tristen Urbanität menschelnde Scudder. Und trifft auf schauerliche Gestalten wie den Friedhofswärter (Ólafur Darri Ólafsson), der auf eine wundervoll klassische 50er-Jahre-Art als potenziell Verwickelter eingeführt wird.

Zunächst spendiert Scudder (Liam Neeson, links) dem Jungen TJ (Brian Bradley) nur ein Essen. Doch TJ hat auch Qualitäten als Detektiv.

 

Doch nicht nur besticht Franks stilles wie atemloses Werk durch eine grandios düstere Atmosphäre und angespannt-qualvolle Stimmung. Es vermag darüber hinaus innerhalb der künstlerischen wie artifiziell überhöhten Szenerie einen unerträglichen Realismus zu vermitteln, der die eigentliche Krimi-Handlung nebensächlich erscheinen lässt. Dafür spricht auch, dass der Zuschauer die Täter schon vor Scudder zu sehen bekommt. Bisweilen erinnert die selbstverständlich in ansprechendem Grau-in-Grau gehaltene Ästhetik an aktuelle Serien-Erfolge wie „True Detective“. Diese Analogie spiegelt sich auch in Neesons Figur, die sich die Ahnung einer fernen humanen Zivilisation der Stadt auf den regennassen Straßen und Friedhöfen immer wieder erhält und daraus auch Hoffnung schöpft. Schöpfen muss.

Ruhet in Frieden

 

Dass sich „Ruhet in Frieden“ dabei aber auch nicht zu ernst nimmt, kann diesen Eindruck nur verstärken. Eine dahingehend wunderbare Entscheidung war es, Scudder den überaus witzigen und smarten Jungen TJ (Brian Bradley) an die Seite zu stellen, der ihn als Hilfsdetektiv unterstützt. So erklärt TJ dem aus der Welt gefallenen Einzelgänger, der sich, sicher auch im Sinne des klassischen Genres, noch immer öffentlicher Telefonzellen zur Recherche bedient, auch die damals neue Welt der Computer und des Internets. Derlei subtile Anspielungen auf neue Entwicklungen und Anachronismen, beispielsweise auch die Hinweise auf das Chaos des Jahr-2000-Problems zu jener Zeit, zeugen von einer Ironie, die „Ruhet in Frieden“ neben seiner greif- und fühlbaren Spannung zum sehr sehenswerten, düsteren Vergnügen macht.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © Universum Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: A Walk Among The Tombstones
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Universum
Laufzeit: 115 Min.