Beben statt Sonne

„It never rains in Southern California“, sang Albert Hammond einst. Stimmt – öfter als Wasser vom Himmel fällt, bebt dort nämlich die Erde. Schließlich driftet mitten in Kalifornien entlang der berüchtigten San-Andreas-Verwerfung die Pazifische an der Nordamerikanischen Platte vorbei. Nur eine Frage der Zeit, bis dies in einer Katastrophe endet – so prophezeien es Experten schon seit Jahren. Das Erdbeben-Spektakel „San Andreas“ macht ernst: Innerhalb kürzester Zeit erschüttern in Brad Peytons Film erst kleinere, dann gewaltigere und schließlich die größten Beben aller Zeiten die Metropolen Los Angeles und San Francisco. Die 3D-Katastrophenaction sieht fantastisch aus – nur hätte man die Szenen zwischen dem CGI-Spektakel weglassen sollen.

Wo ist man vor Erdbeben am sichersten? Natürlich in der Luft, weiß Rettungshubschrauber-Pilot Roy (Dwayne Johnson)

 

„San Andreas“ empfängt den Zuschauer mitten in einer vertrauten Szenerie. Wer Katastrophenfilm-Klassiker wie „Deep Impact“, „The Day After Tomorrow“ und „2012“ gesehen hat, weiß sofort Bescheid: Ein pseudoleidenschaftlicher Wissenschaftler, der Seismologe Lawrence Hayes (Paul Giamatti), widmet sein Leben den Erdbeben, sein aufgeregter Assistent stürmt herein und berichtet von Anomalien: Oh Schreck, es ist soweit! Was auf uns zukommt, übertrifft alles je Gewesene! Da es persönlich und emotional werden soll, wird ein Brocken von Mann eingeführt, dessen Privatleben etwas aus den Fugen geraten ist: Hubschrauber-Rettungpilot Ray alias Dwayne „The Rock“ Johnson ist mitten im Prozess der Scheidung von seiner Frau Emma (Carla Gugino), die nun mit einem etwas schleimigen Manager-Typen zusammen ist.

 

Glücklicherweise kommt mit der alles erschütternden Katastrophe für Ray auch die Chance, sich als Held zu beweisen: Mit allen Mitteln schlägt er sich durchs grandios animierte Katastrophengebiet, um seine Tochter Blake (Alexandra Daddario) zu finden. Denn während er mit seinem Helikopter in L.A. erst seine Noch-Ehefrau rettet, verschwindet die gemeinsame Tochter der beiden in den Trümmern San Franciscos. Keine Frage, dass sich das bald geschiedene Paar sofort auf die Suche macht. Wären da nicht „kleinere“ Hindernisse: Nachbeben sind noch das geringere Problem – die Naturkatastrophe hat schließlich noch einiges an elementaren Gewalten in petto.

Was kommt da schon wieder auf uns zu? Blake (Alexandra Daddario) und ihre Begleiter haben die nächste Eskalation der Naturkatastrophe bereits vor Augen.

 

Roland Emmerich, pardon: Brad Peyton inszeniert das Spektakel in gewohnter Manier. Alles stürzt in sich zusammen, beeindruckend krachen Frachtschiffe gegen die Golden-Gate-Bridge, bersten Dämme und tun sich gigantische Schlünde auf. „San Andreas“ übertrifft seine Genre-Vorgänger in Sachen CGI und 3D noch einmal: Je perfekter und detailreicher die digitalen Animationen aus dem Computer kommen, desto faszinierender gerät das Erlebnis auf der Leinwand. Insbesondere, wenn die Referenzen auf reale Ereignisse unübersehbar sind: Zusammenkrachende Wolkenkratzer, vor Staub und herabfallenden Trümmern fliehende Menschenmassen, im Wasser treibende Überbleibsel der Katastrophe – frappierend erinnert die animierte Zerstörung der Zivilisation an die TV-Bilder des Erdbebens in Haiti, des Tsunamis in Thailand und der Ereignisse des 11. Septembers.

 

Allein: „San Andreas“ nutzt die bedrückende Atmosphäre nicht, um eine auch nur im Ansatz mitreißende Geschichte zu erzählen. Diese als konventionell, unrealistisch oder langweilig zu bezeichnen, ist bei all dem Pathos, den unsinnigen Dialogen, den hanebüchenen Wendungen und irrsinnigen Zufällen noch untertrieben. Einzig die Tatsache, das mit der Tochter Blake eine Frau nicht gerettet werden muss, sondern selber in die Heldenrolle schlüpft, ist ein Lichtblick. Bringt aber nichts: Leider tragen auch die Protagonisten und ihre Darsteller gehörig zum einschläfernden Modus bei: Wo Bruce Willis oder Will Smith noch Katastrophen-Situations-Väter von Format waren, ist Ray alias Johnson nichts als ein bleierner Klotz, der nicht einmal coole Sprüche drauf hat. Bis auf den Wissenschaftler erscheint einem der Rest der hölzernen Bagage so unerträglich, dass man sich bisweilen (natürlich heimlich) deren Filmtod herbeiwünscht.

Spazierengehen am Hafen ist auch nicht mehr wie früher: Ray (Dwayne "The Rock" Johnson) und seine Bald-Ex Emma (Carla Gugino) vor der zerstörten Stadt.

 

Wie zähester Kaugummi ziehen sich die Sequenzen zwischen der Action, begleitet vom unerträglichen Geblubber profilloser Charaktere. Die schüchternen Versuche selbstironischen Humors verlaufen völlig im Sande. Daher ein Vorschlag zur Güte: Wer sich in Zukunft derlei hübsch anzuschauende Katastrophen-Spektakel samt Schmonzetten-Pathos geben mag, soll das tun können. Für alle anderen stelle man bitte eine gekürzte Actionszenen-Version zur Verfügung, in der es einfach nur kracht.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © 2015 Warner Bros. Ent / Jasin Boland
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

In "San Andreas" bebt die Erde in Kalifornien gewaltig.

 

 

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: San Andreas
Genre: Action
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 115 Min.