Wo führt das hin?

Wie einst ihre Kollegin Vanessa Jopp, die derzeit mit „Lügen und andere Wahrheiten“ einen neuen Film im Kino hat, mag Sylke Enders auch heute noch trübe Bilder. Die Welt muss nicht bunt sein auf der Leinwand, denn sie ist es draußen in Berlin auch nicht. Cindy (Julia Jendroßek) zum Beispiel wohnt am „Schönefeld Boulevard“, wo alles viel stiller ist als geplant. Keine Landebahn wird benutzt, alles steht still, an Fehlern wird nicht gearbeitet. Im Leben der jung wirkenden 18-Jährigen spielen maulende Lehrerinnen, hinterhältige Freundinnen und ein ewig nörgelnder Vater (Uwe Preuß) die Hauptrolle.

Ein verträumtes Mädchen: Unverhofft ändern sich einige Eckdaten in Cindys Leben (Julia Jendroßek).

 

Soll man ihre Mutter (Ramona Kunze-Libnow) überhaupt erwähnen? Sie kann sich doch eh nie durchsetzen mit ihrem „Hör doch mal auf“-Gesage. Als wenn das irgendeine Wirkung auf den Vater hätte, der Cindy runtermacht und allzeit sicher ist, dass er recht hat. „Rosinenbomber“ ist da noch nett als Spitzname. Schließlich ist sie doch fett. Da muss man der Welt ins Gesicht schauen, und das tut der Papa bei jedem gemeinsamem Abendessen.

Zufallsbekanntschaft: Cindy (Julia Jendroßek) lernt einen finnischen Ingenieur (Jani Volanen) kennen. Sie findet ihn attraktiv.

 

Dort oder in einer feindseligen Schule spielt sich das Leben als Teenager in der Vorstadt ab. Cindy bleibt mit ihren Gedanken allein, es sei denn, sie trifft sich mit ihrem Nachbarn Danny (Daniel Sträßer). Er ist womöglich ihr einziger Freund, aber ganz sicher kann man sich da nicht sein, denn Danny wandelt zwischen unendlicher Weisheit und unendlicher Dummheit. Manchmal ist er auch unverschämt gemein. Noch bevor man diese Freundschaft einordnen kann, verabschiedet sich der aufgedrehte Junge von der Bildfläche. Er geht nach Afghanistan. Nein, man muss solche Meldungen nicht einrahmen oder betrommeln, solche Dinge passieren an nicht gerade hoffnungsfrohen Orten wie diesem einfach. Jeder tut was er kann – und unter diesem Aspekt sollte man auch die Geschichte von Cindy sehen.

Sport und Tanz zählen nicht zu Cindys (Julia Jendroßek) Hobbys. Aber hat sie überhaupt welche? Freunde und Hobbys ...

 

Dieses dicke, keineswegs leicht greifbare Mädchen könnte eine Außerirdische sein. Sie und ihr Tun bleiben dem Zuschauer fremd. Kaum verliert sie ihren Kumpel an den Krieg, stellt sie einem finnischen Ingenieur nach (Jani Volanen). Cindy besucht ihn in seinem Hotelzimmer. – Ständige Unsicherheiten sind die große Stärke des karg inszenierten Werks, das tausend Interpretationsmöglichkeiten bietet. Enders will weder sich noch den Film in eine bestimmte Richtung bewegen. Sie fängt Tatsachen ein, wozu auch gehört, dass jeder Tag Unerwartetes bringt.

Danny (Daniel Sträßer) ist Cindys (Julia Jendroßek) einziger Freund. Manchmal ist sie nicht sicher, ob er es gut mit ihr meint. Andererseits: Danny ist eben ein Spinner.

 

Ein unangenehmes Gefühl begleitet den Film von Anfang bis Ende, der sich durch absolute Unberechenbarkeit auszeichnet. Es ist schwer einzuschätzen, wie weit dieses Mädchen mit den schlechten Zukunftsaussichten gehen wird für ein bisschen Liebe. Letztlich gelingt Sylke Enders mit seltsamen, mitunter im Wortsinn unglaublichen Ideen aber das eine: Die Berliner Regisseurin, die mit „Kroko“ weit mehr als einen Achtungserfolg errang, verfilmt einen Begriff. Und der heißt Würde.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Farbfilm / Claudia Rorarius / credofilm GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 102 Min.