Zu viel Honig, zu wenig Stiche

Wären doch bloß alle Familienfeiern so lebhaft wie die der Kerkhoff-Sippe in der sommerlichen Dramödie „Schwestern“! Die religiöse Zeremonie, zu der die Mitglieder angereist sind, ist aufgeschoben, die Angereisten dürfen ihren auf dem Parkplatz begonnenen Verbalclinch bei Wein und Brot auf sonnenüberstrahlter Wiese fortsetzen. Entflohene Kühe suchen sie heim und werden von ihnen cowboyhaft und ausgelassen zurück ins Gehege getrieben. Scheinbar göttlicher Wille sendet Regensturm und Donner. Hellsichtig bewahrt die Tante ihre im Bienenkostüm davongesummte Nichte vor einer Bruchlandung. Zu kleinen und großen Wundern weiß sich Filmemacherin Anne Wild aufzuschwingen. Sie hält aber für das Erdenleben, aus dem doch die meisten der 82 Minuten von „Schwestern“ bestehen, erst kaum mehr als Plattitüden und dann nur noch Nettigkeiten parat.

Kati (Marie Leuenberger) will Nonne werden. Daran hat ihre Schwester Saskia (Maria Schrader, links) ganz schön zu knabbern.

 

Dabei ist der Anlass zu feiern für die Kerkhoffs ambivalent genug. Kati Kerkhoff (Marie Leuenberger) hat zum Gelübde geladen – sie tritt ein zweijähriges Noviziat als Nonne an. Ihre Schwester Saskia (Maria Schrader) fühlt sich dadurch nicht weniger verlassen als Katis Exfreund Jörn (Thomas Fränzel) und wird sich ihrer Haltlosigkeit im Leben schmerzhaft bewusst. Der Rest hat andere Sorgen. Katis Bruder Dirk (Felix Knopp) knabbert daran, dass er mit der Herausgabe bibliophiler Bücher seine Familie nicht ernähren kann. Mutter Usch (Ursula Werner) verbirgt unter harter Karrieristinnen-Kruste zärtliche Regungen für Schwager Rolle (Jesper Christensen), der mit seiner sehr jungen Geliebten Jola (Lore Richter) nicht Schritt halten kann.

Die Familie reist zum Kloster. Dort soll ein Gelübde abgelegt werden.

 

Regisseurin und Autorin Anne Wild hat „Schwestern“ so konsequent durchstrukturiert, wie sie es wohl, ihr Lebenslauf suggeriert es, einmal bei Drehbuchpapst Don Bohlinger gelernt hat. Das Home-Movie über das geordnet-fleißige Leben der Bienen am Anfang des Films hat seine Entsprechung im Klosterdasein, die Wurzellosigkeit Saskias der einen Schwester ihren Gegensatz in der Glaubensfestigkeit der anderen. Symmetrie, wohin man blickt. Dahinter lauert die fade Abstraktion.

Die Geschwister Dirk (Felix Knopp) und Saskia (Maria Schrader) stecken in einer Sinnkrise.

 

Die Nonnen sind so überlegen-gelassen, dass es an Leblosigkeit grenzt. Und statt das Für und Wider des Ordensdienstes zu diskutieren und sich dabei lebensphilosophisch à la Rohmer oder Linklater um Kopf und Kragen und das Herz gleich mit zu reden, schleudern die Beteiligten Problemgesprächsteile aus dem Textbaukasten heraus. „Ich steche“, zischt Marie, Dirks kleine Tochter, die sich als Biene verkleidet hat. Das hätte man gern – als vergnüglich-geistreiche Pointen. Anne Wild teilt stattdessen irgendwann nur noch aus dem Honigtopf aus, als wollte sie seichte TV-Kost liefern. Immerhin kommt man damit herzerwärmt durch den Winter.

 

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2013 Constantin Film Verleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Autor: Andreas Günther
Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 85 Min.