Wenn Reden nichts bringt …

Ehrlich, Frauen wie Tina (Alice Lowe) müssen einem leid tun. Sie lebt bei ihrer bösartigen Mutter (Eileen Davies), die sie verantwortlich macht für den Tod ihres Hundes. Nun hat Tina mit 34 endlich mal einen Freund, Chris (Steve Oram), und will mit ihm in Urlaub fahren. Bei der Wohnwagentour läuft nicht alles nach Plan: Regisseur Ben Wheatley war bei der Routenplanung der „Sightseers“ dabei und der ist Freund von sehr schwarzem Humor, der den einen oder anderen Mitmenschen das Leben kostet. Aber Tina ist Kummer gewohnt.

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Auf ihrer Reise zeigt der rothaarige Vollbartträger seiner Süßen all die Orte, die er mag – und an denen er schon mit seiner letzten Freundin war. Tina bleibt tapfer, zieht ihren Häkel-BH samt passendem Höschen an und verführt ihren Romeo, auch wenn er etwas eigen ist: Chris kann Menschen, die achtlos mit Kulturgut umgehen, nicht leiden. So wie den Typen, der sein Eispapier – „ich glaube, es war Nucki Nuss“ – in die Landschaft wirft und es trotz Aufforderung nicht aufhebt. Er hatte seine Chance, und weil Reden ja nichts bringt, fährt Chrissie den Umweltsünder einfach über den Haufen, als sich die Gelegenheit bietet. Er wird nicht der Letzte sein, der den beiden auf ihrer Fahrt begegnet. Immer wieder findet Tina Entschuldigungen für das Verhalten ihres neuen Freundes und ist schließlich von seiner Logik so überzeugt, dass sie auch dabei sein kann, wenn er die Welt ein bisschen besser macht.

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„Sightseers“ ist unglaublich unterhaltsam, wenn man schwarzen Humor mag. Das englische Road Movie geht einfühlsam mit seinen Hauptcharakteren um und inszeniert so schlüssig, dass man mit der Geschichte und dem Wohnmobil einfach weiterrollt. Wann immer es um Sex oder Tod geht, läuft Ben Wheatley zu Höchstform auf – auch im Schnittraum, wenn er vier verschiedene Szenen zusammenfließen und einen Mord begleiten lässt. Stets bietet der 40-Jährige ungewöhnliche und ulkige Sichtweisen an. Dies tut er ja auch inhaltlich, denn Chris und später auch Chris und Tina im Team tun ja nichts aus purer Unzufriedenheit. Jede Tat wird begründet und mit einer so zwingenden, ja erfrischenden Logik präsentiert, dass man aufpassen muss, dass man nicht das Applaudieren anfängt.

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Wheatley hat sich in der britischen Szene bereits mit „Down Terrace“ und „Kill List“ einen Namen gemacht – in Letzterem waren Lowe und Oram bereits mit von der Partie. Diesmal gab er seinen Schauspielern sehr großen Raum und ließ sie sich ihre Rollen selbst auf den Leib schreiben, was vorzüglich gelungen ist. Sorge könnte einem nur noch die Synchronisierung mit den Stimmen vom Anke Engelke und Bjarne Mädel machen. Aber wer sich bemüht, wird auch ein Kino mit Originalfassung finden. Entgehen lassen sollte man sich diesen Anarchotanz, der das Fantasy Filmfest 2012 eröffnen durfte, jedenfalls nicht.

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Text: Claudia Nitsche / Fotos: MFA+ FilmDistribution e.K.
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Sightseers
Genre: Komödie
Freigabealter: 16
Verleih: MFA
Laufzeit: 91 Min.