Zu spät …

 

Kurz zurück zu dem, was damals Zukunft war. 11. August 2005. In Deutschland startet ein Film, der das Kino tatsächlich noch einmal neu erfand. Weit über eine Million Zuschauer reisten nach „Sin City“, staunten, rieben sich fassungslos die Augen. Es ist nur neun Jahre her, aber es war – so verrückt das klingt – noch eine völlig andere Zeit. Das Publikum war noch bereit, sich überraschen zu lassen.

Und es war alleine mit visuellen Mitteln in Verzückung zu versetzen. Heute, da jeder von sich behauptet, alles irgendwann irgendwo schon mal gesehen zu haben, käme „Sin City“ vermutlich deutlich schlechter an. Was Wunder, dass sich der zweite Teil zum Start in den USA unglaublich schwer tat. „Sin City: A Dame To Kill For“ geriet zum Flop. Regisseur, Schnittmeister, Kameramann und Co-Autor Robert Rodriguez hätte gut daran getan, die Fortsetzung schnellstmöglich nach Teil eins zu drehen. Denn heute, 2014, zuckt das verwöhnte und abgestumpfte Publikum nur noch müde mit den Schultern.

Dwight (Josh Brolin) trifft wieder auf seine Ex: Doch welches Spiel spielt Ava (Eva Green) mit ihm?

 

Die ästhetische Schwarzweiß-Optik. Die rohe Schlichtheit. Die opulenten 3D-Effekte. Alles großartig. Und doch folgende eine Prognose vorab: Weil „Sin City 2“ sich wie schon sein Vorgänger vor allem an ein männliches Zielpublikum richtet, lässt sich erahnen, worüber eben jenes nach gut anderthalb Stunden Film sprechen wird. Über Eva Green und ihre Reize, die sie in zahllosen Szenen offen zur Schau trägt. Das passt natürlich, denn „Sin City 2“ ist ein durch und durch chauvinistischer und klischeehafter Film, in dem sich Männer vor allem prügeln und sich Frauen vor allem ausziehen. Und dabei reden beide. Viel und dauernd. Sie reden cooles Zeug, dennoch muss sich „Sin City 2“ vorwerfen lassen, etwas zu geschwätzig zu sein.

 

Wie schon in Teil eins sind es mehrere Geschichten, die mit unterschiedlicher Gewichtung wild durcheinander erzählt werden. Unumstrittener männlicher Star des Vorgängers war Mickey Rourke, dessen Karriere damals nahezu beendet schien und der sich dank Rodriguez wieder ganz nach oben spielen durfte. So hat er auch diesmal als Marv ein paar – wenngleich kurze – Auftritte und darf im 3D-adäquaten Schneetreiben eine Horde Jugendlicher meucheln.

Mark (Mickey Rourke) kehrt zurück, spielt jedoch nur noch eine Nebenrolle.

 

Neu dabei ist der übermütige, junge Spieler Johnny (Joseph Gordon-Lewitt), der sich, einigermaßen arrogant, erst einmal eine junge Stripperin angelt und dann den mächtigen Senator Roark (Powers Boothe) zu provozieren beginnt. Am Ende mit überschaubarem Erfolg. Derweil will Tänzerin Nancy (Jessica Alba) Rache für den Selbstmord von Hartigan. Bruce Willis hat in dieser Rolle, quasi als Geist, ein paar wenige schweigsame Auftritte. Sein Fehlen tut dem Film nicht gut, war er im Vorgänger doch eine Art Eintrittskarte für den Zuschauer, also noch der Normalste von allen. Diesmal sind sie alle vollkommen durchgeknallt.

 

Den Kern des Films bildet jedoch die Geschichte der titelgebenden Dame, für die es sich zu töten lohnt. Dwight (jetzt von Josh Brolin gespielt) will eigentlich keinen Ärger mehr haben, nachdem er vor einigen Jahren das Leben von Miho (Jamie Chung) rettete. Doch nun nimmt seine Ex-Freundin Kontakt mit ihm auf. Ava (Eva Green) ist inzwischen mit Damien Lord (Marton Csokas) verheiratet. Doch der, sagt sie, misshandele sie und mache ihr das Leben zu Hölle. Flucht sei unmöglich. Denn ständig hat der riesige Chauffeur Manute ein Auge auf sie. Dennis Haysbert, bekannt geworden als US-Präsident in der Erfolgsserie „24“ übernahm diese feine Rolle, für die eigentlich Michael Clarke Duncan vorgesehen war (er starb im September 2012).

Nancy (Jessica Alba) will Rache für den Selbstmord von Hartigan.

 

Natürlich geht Dwight der Dame auf den Leim. Und natürlich versteht Mann, warum das so ist. Eva Green gibt eine wunderbare Femme fatale, die zwar auch unfassbar viel redet, aber eben auch viel Besonderes in und an sich hat. Robert Rodriguez setzt sie aus allen Winkeln in Szene, im Hellen, im Dunkeln, von nah und von fern. Vor allem im zweiten Teil wird „Sin City 2“ zu einem Werbespot für die französische Schauspielerin, die den amerikanischen Markt scheinbar spielerisch erobert hat.

 

Doch das allein reicht natürlich nicht. „Sin City 2“ kann nicht die besondere Gewalt des Vorgängers entfalten. Vermeintlich hat man alles eben schon einmal gesehen, die schwarz-weiße Optik wirkt stellenweise gar lästig. Darüber hinaus verfügen die fraglos eindrucksvollen Bilder nicht über die Opulenz von Teil eins. Alles wirkt eine Spur kleiner, harmloser. Rodriguez lässt in dieser Adaption des Frank Miller-Comics kaum Raum für stille, ästhetische Momente, sondern überfrachtet seine noch immer interessanten Bilder ein ums andere Mal mit Worten. Es ist diese Geschwätzigkeit, die dafür sorgt, dass „Sin City 2“ bisweilen an die Erzählweise von Soaps erinnert. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ein guter und auch eindrucksvoller Film ist „Sin City 2“ immer noch. Aber eben kein Kinowunder wie man es damals erlebte, im August 2005.

 

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Sin City: A Dame To Kill For
Genre: Thriller
Freigabealter: 18
Verleih: Splendid
Laufzeit: 102 Min.