Willkommen zu Hause, Mr. Bond

Sam Mendes hat wenige, aber gute Filme gemacht. „American Beauty“ zum Beispiel oder „Zeiten des Aufruhrs“. Als Regisseur, der sich auf Action versteht, galt der 47-jährige Brite bisher ganz sicher nicht. Womöglich wird er sich auch nach „Skyfall“ diesen Ruf nicht erworben haben. Aber, und das ist wichtiger: Mendes rettet mit diesem Film die populärste und erfolgreichste Filmreihe in den Kinos vor ihrem Untergang. „Skyfall“ ist der 23. Bond-Film. Und wo immer auch die Anhänger von 007 die beiden Vorgänger mit Daniel Craig einstuften, die meisten, die diesen Film gesehen haben, werden feststellen: Es ist der beste Craig-Bond bisher. Wahrscheinlich ist „Skyfall“ noch mehr: ein kleines, großes Wunder. Denn der Film ist modern und traditionell zugleich. 21. Jahrhundert und doch tief verwurzelt in der Tradition der Agentenreihe.

 

Ganz auf Anfang sollte 007 gestellt werden, als er 2006 mit dem fürchterlich banalen „Casino Royale“ zurückkehrte. Die Wahrheit ist: Jetzt und hier, mit diesem dritten Abenteuer (nach „Ein Quantum Trost“, der so gut war wie sein Titel), kehrt die Reihe zu ihren Ursprüngen zurück. Womit keine Banalitäten gemeint sind: nicht die Fragen, wie Bond seinen Cocktail trinkt, welches Auto er fährt, welche Waffe er benutzt oder mit wie vielen Frauen er schläft – auch wenn all diese Fragen diesmal zur Zufriedenheit eines jeden Bond-Anhängers beantwortet werden. „Skyfall“ bedient vielmehr alle wesentlichen Merkmale, die die Reihe in den Jahren unverwechselbar machten: Es gibt einen wirklich bedrohlichen Schurken, charakterstarke Bond-Girls (Bérénice Marlohe, Naomie Harris), den Opfertod, die große Schlussexplosion und dazwischen eine tragfähige Geschichte.

All das wird nicht mehr wie in den beiden Vorgängern mit hektisch geschnittenen Bildern einer längst dem Gestern angehörenden MTV-Generation illustriert. Mendes entschied sich vielmehr, mit Ausnahme der rasanten Eröffnungssequenz über den Dächern Istanbuls, für eine bedächtige, streckenweise sogar artifizielle Bildsprache. Dieser Bond-Film will auch Kunstkino sein. Und das gelingt. Kameramann Roger Deakins hat bislang neun Oscarnominierungen auf dem Konto. Für „Skyfall“ sollte er die Auszeichnung endlich erhalten.

 

Jeder, der den Film im Vorfeld zu sehen bekam, wurde formvoll und höflich gebeten, sich doch zurückzuhalten in der Kurzdarstellung der Story. Aus gutem Grund: „Skyfall“ erzählt viel Relevantes für die Entwicklung von Bond, sowohl was das Gestern als auch das Morgen betrifft. Der Film schafft auch inhaltlich die Grundlage für eine gesicherte Zukunft des Agenten, über den der Betrachter mehr erfährt als zu erwarten war. Bond, so zeigt sich, ist der, der er ist, nicht nur aufgrund seiner tragischen Erlebnisse mit dem weiblichen Geschlecht.

Es ist diesmal keine große Organisation, kein Blofeldsches SPECTRE, mit der sich der Agent auseinandersetzen muss. Streng genommen ist es nur eine einzige Person, die durch ein paar namen- und wortlose Schergen unterstützt wird. Ihr Motiv ist simpel: Rache. Javier Bardem spielt diesen Raoul Silva, der sich zum Ziel gesetzt hat, den britischen Geheimdienst MI6 zu zerstören und das in gewisser Hinsicht auch tut. Er ist im Besitz einer Liste mit vertraulichen Daten über Agenten in aller Welt, die er schrittweise veröffentlicht, womit das Leben der im Untergrund agierenden Spione keine Pfifferling mehr wert wäre.

 

Bardem setzt die Tradition ziemlich irrsinniger Schurken in 007-Filmen fort. Überdreht, besessen, brutal, aber eben auch charismatisch und in gewisser Hinsicht sogar sympathisch tritt er, blond perückt, auf. Noch dazu versehen mit einem Hang zum eigenen Geschlecht, was zu einer der wenigen humorvollen Szenen in diesem Film führt. Bardem treibt seine Figur an die Grenze zum Absurden, überschreitet sie jedoch nicht. Silva bleibt, in Relation zur Bond-Geschichte, ein halbwegs glaubwürdiger Halunke.

James Bond nimmt ihn denn auch äußerst ernst, was darstellerübergreifend gerade in den letzten 007-Filmen nicht immer der Fall war. Daniel Craig indes wird auch nach „Skyfall“ das Publikum spalten. Fraglos liefert er diesmal jedoch seine bisher beste, weil charaktervollste Leistung ab. Dieser 007 ist meistens todernst, zielorientiert und vor allem schweigsam wie nie zuvor. Obwohl „Skyfall“ zu den längsten Filmen der Reihe gehört, sollten sich wenige finden, in denen 007 so wenig spricht. Dies, verbunden mit einer kraftvollen Bildsprache, verleiht seiner Figur einer Form von Macht und Bedrohlichkeit, wie man sie allenfalls bei Sean Connery und später bei Timothy Dalton sah.

 

Neben Bond im Mittelpunkt: M, die vor allem das Ziel des Schurken ist. Endlich bekommt diesmal auch die große britische Charakterschauspielerin Judi Dench ihre angemessene Bühne. Mit dem treuen Gefährten Bond an ihrer Seite, aber auch mit einem kritischen Begleiter: Ralph Fiennes spielt Gareth Mallory, den Vorsitzenden des Komitees für Spionage- und Sicherheitsangelegenheiten, der ein waches Auge auf den MI6 hat.

Neu auch: „Q“. Ben Whishaw ist jung, aber eine ausnehmend gute Wahl für diese kleine, aber feine Rolle, die in einer amüsanten Sequenz Bond und dem Publikum vorgestellt wird. Mit ihm und zwei weiteren zentralen Figuren des Bond-Universums, die diesmal ihren Einstand geben, scheint die Grundlage für eine fruchtbare Zukunft der Reihe gelegt. Daniel Craig hat zunächst für zwei weitere Filme unterschrieben.

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Skyfall
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Sony
Laufzeit: 143 Min.