Was bleibt, ist die Musik

Ein Fan von Marions Freizeitbeschäftigung ist Arthur nicht. Er meckert ständig und ist griesgrämig. Wie ein trotziger Junge steht er vor dem Proberaum rum und raucht frustriert Zigaretten, während Marion in ihrem Chor voller Inbrunst Salt’n’Pepas „Let’s talk about Sex“ schmettert. Arthur und Marion sind Rentner und seit Jahrzehnten verheiratet. Die Liebe der beiden hat offensichtlich eine Menge Stürme überstanden und geht in John Andrew Williams’ hübsch altmodischem Film „Song für Marion“ bis in den Tod. Darüber hinaus muss sich Arthur allerdings etwas einfallen lassen: Dabei hilft eine junge engagierte Chorleiterin, die den Brummbär aus seiner Schmollecke holt und zum Singen bringt.

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„Best Exotic Marigold Hotel“, „Wie beim ersten Mal“ und die Actiongreise in „R.E.D.“ (die Fortsetzung „R.E.D. 2“ startet am 12. September): Das Kino entdeckt die älteren Semester als Zielgruppe. Auch der britische Film „Song für Marion“ ist für ein gesetzteres Publikum gemacht, ein netter Wohlfühlfilm mit erbaulicher Botschaft: Respektiert die Alten. Sie sind Teil unserer Lebenswelt.

Anstatt die Opas und Omas abzuschieben, schickt sie Regisseur und Drehbuchauor John Andrew Williams zur jungen Musiklehrerin Elizabeth (Gemma Arterton, derzeit auch in „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“). Sie leitet einen Seniorenchor, ein soziales Projekt, für die alten, die verlassenen, die einsamen Menschen. Hier finden sie Anschluss, hier können sie noch einmal richtig aufdrehen. Langweilige Songs stehen nicht auf dem Programm, sondern Pop-Klassiker und die Motörhead-Nummer „Ace of Spades“: Die alten Eisen sind noch heiß genug, um den Rock ‘n’ Roll rauszulassen.

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Die lebensfrohe und offenherzige Marion (Vanessa Redgrave) genießt ihre Zeit in diesem Chor. Dort blüht sie auf, egal wie grimmig ihr Gatte Arthur (Terence Stamp) dreinblickt und barsch verlangt, dass sie ihre Energie nicht verschwenden solle. Aber seine Ruppigkeit verbirgt nur schwer die Hilflosigkeit. Marion ist todkrank und bekommt recht früh im Film die finale Diagnose: „Pommes und Eiscreme“. Davon soll sie so viel essen, wie sie mag. Ihre Zeit ist abgelaufen.

Der Tod ist ab sofort dabei, in Marions letzten Tagen wird auch klar, warum Arthur stets böse Miene zum guten Singspiel machte. Er hat einfach Angst, die Liebe seines Lebens zu verlieren und kümmert sich liebevoll um seine Frau. Doch dann kommt der Tod und mit ihm die Einsamkeit, die in wundervollen Szenen gezeigt wird: Arthur legt, als er allein ist, eine Wärmflasche neben sich ins Bett, auf den Platz, auf dem sonst Marion liegt. Er wird sie vermissen, zumal sie ihm bei einem Chorwettbewerb zuletzt noch ein Lied widmete: „True Colors“ – sie sieht hinter seine Fassaden. Hat es immer getan. Auch wenn er sich immer viel Mühe gab, sie zu verbergen.

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Es ist ein einsamer, ein gebrochener Mann, der irgendwann seine Kippe wegwirft und sich von Elizabeth auf eine musikalische Reise mitnehmen lässt. Von Terence Stamp („Der Plan“) mit grimmiger Verletzlichkeit grandios gespielt kann Arthur Abschied nehmen und mit dem Leben wieder eins werden, wozu auch die Aussöhnung mit seinem entfremdeten Sohn gehört.

Erbaulich, gefühlig und garniert mit allerlei witzigen Momenten, die man in einer vornehm unterkühlten, aber sanftmütigen britischen Dramödie erwarten darf: Wirklich überraschend ist es freilich nicht, was John Andrew Williams serviert. Aber unterhaltsam ist „Song für Marion“ allemal, macht sich für mehr Verständnis für Rentner und ihre Probleme stark und ist ein gutes Argument, mal wieder mit den eigenen Eltern oder Großeltern ins Kino zu gehen.

Text: Andreas Fischer / Fotos: 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Song for Marion
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 97 Min.