Tun statt Sprechen

Sie ist berufstätig, Ehefrau und Mutter – in dieser Reihenfolge. Das wird zu Beginn des Films (Regie und Buch: Nana Neul) zumindest angedeutet. Doch in der nächsten Minute ist Kristines Stimme weg – und Kristine wird fortan stumm bleiben, noch bevor der Zuschauer sie kennengelernt hat. Für eine Schauspielerin wie Dagmar Manzel eine grandiose Herausforderung, doch wie fühlt es sich für das Kinopublikum an?

Die stumme Kristine (Dagmar Manzel) ist die alte Leidenschaft von Franck (Arthur Igual).

 

Die Kunsthistorikerin sagt nichts und das ist schön. Es ist ganz natürlich, sich so zu verständigen, gerade im (Zwangs-)Urlaub. Man hört jedes Wort, das sie sagen will. Aber manches will sie nicht äußern, zur Verwirrung ihres Mannes Herbert (Ernst Stötzner), der ihr nachgereist ist ins Sommerhaus in Frankreich, in dem sie schon so lange nicht mehr waren. Auch ihre Tochter Anna (Marie Rosa Tietjen) ist vor Ort, sie wollte sich einen lauen Sommer machen. Zu ihr gesellte sich Franck (Arthur Igual), der kernige Einheimische.

 

Das Dorfleben derer, die in den kleinen Ort in den französischen Cevennen ausgewandert sind (sehr zu empfehlen nach dem ersten Eindruck) oder schon immer dort leben, geht weiter. Das Publikum erlebt einen seltsamen Heiratsantrag, noch eigenartigere Avancen und echtes Knistern.

Herbert (Ernst Stötzner, links) trifft auf den deutschen Maler Maurice (Hans-Jochen Wagner).

 

Die stumme Kristine ist die alte Leidenschaft von Franck, er war zwar noch sehr klein, damals, als die Familie öfter hier war, aber heute ist er Mann genug, sich mit der Mutter und auch der Tochter zu vergnügen. Dieses gern genommene Motiv wird von Nana Neul auf spannende und neue Weise inszeniert. Heimlichtuerei gibt es nämlich im neuen stummen Leben von Kristine nicht.

 

Es macht unglaubliches Vergnügen, Dagmar Manzel zuzusehen, wie sie die Welt da draußen in ihre hineinzieht. Sie zögert nicht mehr, sie tut statt zu reden. Das alleine gibt dem Film eine Dynamik, mit der man lange mitgehen möchte und sich gut unterhalten fühlt. Doch Nana Neul ist noch nicht fertig: Sie hat eine komplette zweite Geschichte im Handgepäck, die Dagmar Manzel in den Hintergrund drängen wird. Und das in einer Umgebung, in der mancher Drehbuchautor und Regisseur es sich bequem macht und die malerische Landschaft die erzählerischen Pausen füllen lässt. Und Neul geht weiter: Sie füllt Lücken mit interessanten Dingen, denn die anderen Menschen sind nicht nur Statisten in Kristines Lebenslauf. Neul füllt Lücken, wo man keine wähnte. Sehr, sehr elegant!

Anna (Marie Rosa Tietjen) möchte sich einen angenehmen Sommer machen.

 

Hier treffen starke Theaterschauspieler auf ein sinniges und überraschendes Drehbuch, das von Nana Neul auch noch stilsicher und in zauberhafter Umgebung verwirklicht wird. Dieser Film ist ein Erlebnis, ein Füllhorn an Veränderungen und doch niemals laut und Applaus fordernd.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Zorro Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Zorro Film
Laufzeit: 85 Min.