Eine Familie zum Verlieben

Geschichten erzählen, das liegt ihrer Familie im Blut, weiß Sarah Polley. Schließlich waren die Polleys schon immer „Storyteller“. Es erstaunt die oscarnominierte Filmemacherin also nicht wirklich, dass sie auf eine einfache Frage unzählige verschiedene und sehr ausführliche Antworten bekommt: Eigentlich wollte sie nur herausfinden, was für ein Mensch ihre Mutter war. Verwandte und Freunde, Bekannte und Kollegen kramen also in ihren Erinnerungen und lüften dabei eine Handvoll Familiengeheimnisse: Plötzlich steht Sarah selbst im Mittelpunkt. Weil Geschichten aus Schichten bestehen, wird auch ihre Geschichte Schicht für Schicht freigelegt. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, aber viele verschiedene Facetten. Genau das macht den Reiz des wunderbaren kanadischen Dokumentarfilms „Stories We Tell“ aus.

Sarah Polley will herausfinden, was ihre Mutter für ein Mensch war und erfährt, wer sie selbst eigentlich ist.

 

Sarah Polley ist nicht nur eine Art Nationalheilige, sondern auch eine der einflussreichsten Filmkünstlerinnen Kanadas. Sie wird als Schauspielerin („Mein Leben ohne mich“) und Regisseurin („An ihrer Seite“) gleichermaßen gefeiert, was im Grunde nebensächlich ist, aber durchaus erwähnenswert. Weil sich Sarah Polley als Filmemacherin natürlich auch auf das Erzählen versteht.

 

Wer sich fragt, warum die Polleys offensichtlich seit vierzig, fünfzig Jahren jeden Schritt auf Super-8-Material für die Ewigkeit festgehalten haben, sollte bis zum Abspann warten. Echt sind auf jeden Fall das Lachen und das Weinen, die Freude und die Verwunderung, die Sarah Polley mit ihrem Film hervorruft. Nicht nur beim Publikum und bei ihrer Familie, sondern auch bei sich selbst.

Michael und Diane Polley galten in Kanada als Traumpaar.

 

Sarah Polley wollte einfach nur ihrer Herkunft auf den Grund gehen und ist am Ende selbst überrascht. In „Stories We Tell“ geht es nicht nur um die Familiengeschichte der Polleys. Es ist auch ein herzergreifend ehrlicher Film über Freud und Leid einer Künstlerfamilie, über die Zeiten voller Liebe und über die Zeiten ohne.

 

Sie lässt Widersprüche zu und Ungereimtheiten, geht ihnen aber beim nächsten Interview auf den Grund. Es ist erfrischend, zu sehen, wie sich eine Geschichte verselbstständigen kann, wie facettenreich sie wird, wenn man ihr genug Freiraum gibt. „Stories We Tell“ ist auch ein Film über das Wesen des Erzählens, eine heiter-philosophische Interpretation von Platons Höhlengleichnis.

Sie hätten zu den Sternen fliegen können: Sarah Polleys Eltern Michael und Diane.

 

Sarah Polley lässt sich treiben, ist unvoreingenommen und neugierig, stellt unbequeme Fragen und hat keine Angst vor schmerzhaften Antworten. Weil sie dadurch eine unerwartete Entdeckung machen kann und ein großes Glück findet. „Stories We Tell“ ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. So traurig und lustig, so dramatisch und spannend wurde selten eine Familiengeschichte erzählt. Die Polley-Sippe wird in den 108 Minuten zur eigenen Familie, weil sie dieses wohlige Gefühl von Vertrautheit vermittelt, dass sich bei jeder gut erzählten Geschichte einstellt.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © Fugu
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Stories We Tell
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 12 (beantr.)
Verleih: Fugu
Laufzeit: 108 Min.