Wie Frauen lieben

Die große Frage, was eine Frau wirklich will, vermochte Sigmund Freud trotz lebenslangen Studiums der menschlichen Psyche nicht zu beantworten. Womöglich hätte ihm das englischsprachige Regiedebüt der französischen Beziehungsexpertin Anne Fontaine „Tage am Strand“ ein wenig auf die Sprünge helfen können. Der melodramatische Erotikfilm beruht auf einer Kurzgeschichte der kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgerin Doris Lessing, die diese Studie der komplexen weiblichen Begierde bezeichnenderweise im Alter von 84 Jahren schrieb.

Roz (Robin Wright) und Lil (Naomi Watts, rechts) sind die besten Freundinnen.

 

Anne Fontaines („Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) sinnliches Drama, dessen Drehbuch sie gemeinsam mit Christopher Hampton („Gefährliche Liebschaften“) verfasste, spielt in einer etwas übertrieben paradiesischen Bucht irgendwo in Ostaustralien. Ein flirrender, beinahe utopischer Ort, den Kameramann Christophe Beaucarne in atemberaubenden Cinemascope-Bildern festgehaltenen hat, und an dem der Sommer ewig zu währen scheint.

"Wie junge Götter" wirken Ian (Xavier Samuel) und Tom (James Frecheville, rechts) auf ihre stolzen Mütter.

 

Hier leben Tür an Tür die beiden Mittvierzigerinnen Roz (Robin Wright) und Lil (Naomi Watts) mit ihren nunmehr erwachsenen Söhnen, die „wie junge Götter“ aussehen, wie Roz ihrer besten Freundin zu Beginn zuraunt. „Haben wir die gemacht?“ antwortet die verwitwete Lil ihrer Freundin, die ihr so nahesteht, dass viele Menschen in ihrer Umgebung die beiden für heimliche Lesben halten. Sicher hätte die tiefe Freundschaft, die die beiden reifen Frauen miteinander verbindet, auch an einem weniger edenhaften Ort Bestand gehabt.

Manchmal ist das Paradies ein wenig zu paradiesisch.

 

Als Roz’ Gatte Harold (Ben Mendelsohn) aus beruflichen Gründen ohne seine Familie nach Sydney zieht, bricht sich bei den Freundinnen die erotische Anziehung zum Sohn der jeweils anderen wie eine Naturgewalt ihre Bahn. Ian (Xavier Samuel) und Roz sind die ersten, die in diesem Paradies, in das die elendigen Heucheleien der restlichen Welt nur wie ein schwaches Echo herüberklingen, eine Grenze überschreiten und ihren Gefühlen füreinander nachgeben.

Anfangs sind es nur Rachegelüste, die Tom (James Frecheville) dazu bringen, Lil (Naomi Watts) zu verführen.

 

Roz’ Sohn Tom (James Frecheville), der seine Mutter und seinen besten Freund zufällig beobachtet hat, verführt noch in derselben Nacht Lil – zunächst aus Rachegelüsten. Doch schon bald entwickeln sich auch zwischen den beiden tiefere Bande und sie können ebenso wie Roz und Ian nicht mehr voneinander lassen. Auch nicht, als die attraktiven jungen Männer längst gesellschaftskonform mit gleichaltrigen Frauen verheiratet sind und eigene Kinder haben. Moralische Skrupel, die vor allem Roz immer wieder befallen, wirken fragwürdig angesichts des Unglücks, was über die vier in Freundschaft und erotischer Anziehung miteinander Verstrickten hereinbricht, wenn sie sich an die gesellschaftlichen Konventionen zu halten versuchen. „Ich will nicht aufhören. Ich wüsste nicht warum,“ gesteht Lil eines Tages Roz – und der Zuschauer muss ihr heimlich recht geben.

Die jeweilige Affäre belastet die Freundschaft von Roz (Robin Wright, rechts) und Lil (Naomi Watts).

 

Was Fontaines unkonventionellen Film so sehenswert macht, ist die Tatsache, dass hier Frauen, die die Vierzig überschritten haben, nicht nur auf ihre Rollen als Mütter und Ehefrauen und später als Großmütter festgeschrieben werden. In Doris Lessings Fußstapfen gesteht Fontaine den beiden selbstbestimmten Frauen nicht nur Lust und Leidenschaft, sondern auch ein würdevolles Schönheitsideal zu, das durch Falten und andere Zeichen des Älterwerdens erst wahrlich zum Leuchten kommt.

 

Text: Gabriele Summen / Fotos: 2013 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Two Mothers
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Concorde
Laufzeit: 112 Min.