Das große Gefressenwerden
Ridley Scott inszenierte das erste Originaldrehbuch des gefeierten Romanciers Cormac McCarthy mit vielen Superstars und ohne Kompromisse. „The Counselor“ ist ein leichenbitterer Abgesang auf den Humanismus und einer der grausamsten Filme des Jahres.

Der Counselor (Michael Fassbender, links) arbeitet seit ein paar Jahren für den Drogenschmuggler Reiner (Javier Bardem). Jetzt will er teilhaben an dessen illegalen Geschäften.

 

Links geht’s in Richtung der mexikanischen Drogenhochburg Juarez, rechts nach El Paso, Texas. Vorzügliche Lage fürs Schmugglergewerbe. Und für großes Kino allemal. Der Autor Cormac McCarthy bewegt sich in seinen Erzählungen bevorzugt im moralischen Morast des texanisch-mexikanischen Grenzgebiets. Einige seiner grimmigen Moritaten sind schon fürs Kino adaptiert worden – am einträglichsten „No Country for Old Men“, der Oscarerfolg der Coen-Brüder. „The Counselor“ ist das erste Originaldrehbuch, das der Pulitzer-Preisträger direkt für die Leinwand verfasst hat. Ridley Scott setzte den existenzialistischen Thriller-Stoff kompromisslos in Szene – mit einem fast schon dekadent namhaften Ensemble, starbesetzt bis hinein in die Nebenrollen.

Michael Fassbender ist der titelgebende „Counselor“ – ein Strafverteidiger, von Berufs wegen also ein Mann des Gesetzes. Doch hier, in der sonnengegerbten Grenzregion, gelten andere Gesetze als die der Staatsmacht. Der lebemännische Anwalt arbeitet seit ein paar Jahren als Berater für den exzentrischen Drogenschieber und Nachtklubbesitzer Reiner (Javier Bardem). Die Nähe zur Unterwelt hat seinen Appetit geweckt. Der Counselor, der sich eine kostspielige Verlobte (Penélope Cruz) leistet, will dieses eine Mal teilhaben am großen Drogenreibach, der gut verzahnt über die amerikanische Grenze rollt. Er ist hoch intelligent, und er hat die Kontakte. Unter anderem zum einflussreichen Mittelsmann Westray (Brad Pitt), der ihn ebenso wortreich wie vergeblich vor den Risiken warnt. Der Hochmut des Anwalts wird sich als fatal erweisen. Daran besteht im Grunde nie der Hauch eines Zweifels.

Auch der gut informierte Mittelsmann Westray (Brad Pitt, links) kann dem Counselor (Michael Fassbender) keinen Ausweg aus seinem Schicksal aufzeigen.

 

Die in einem Abwassertruck versteckte Drogenladung wird unterwegs geklaut, der Counselor eines blöden Zufalls wegen vom Kartell verantwortlich gehalten für den Verlust. Was bei dem Deal im Detail schiefläuft, ist dabei gar nicht wichtig. Wichtig sind allein die Konsequenzen. Ridley Scott leistet sich eingangs den Luxus, seine Hauptfiguren redselig bis philosophisch die Hölle vorausahnen zu lassen, die später auf sie hereinbrechen wird. Das nimmt ihr nicht die Wucht, ganz im Gegenteil. Der gewaltsame Tod kommt mit gleichmütiger Unausweichlichkeit und alttestamentarischer Härte, fast wie eine Gottesstrafe. Nur dass sich Gott in dieser verkommenen Gegend noch seltener blicken lässt als die Polizei.

Auch wenn einige der schlimmsten Brutalitäten gar nicht gezeigt werden: In seinem dialoglastigen Gleichmut ist „The Counselor“ einer der grausamsten Filme des Jahres. Eine leichenbittere Meditation über Verführung und Habgier, das Wesen der Realität, die Wertlosigkeit der Trauer, die Durchtriebenheit der Frauen (wir sehen Cameron Diaz beim Sex mit einer Ferrari-Windschutzscheibe!) und die sexuelle Hörigkeit der Männer. Und vor allem über das verstörende Gedankenspiel, dass eine einzige falsche Entscheidung ein Leben ins Verderben stürzen kann.

Die naive Laura (Penélope Cruz, rechts) ahnt nicht, dass die durchtriebene Malkina (Cameron Diaz) ihr Verderben sein wird.

 

Dass die amerikanischen Kinozuschauer nicht recht warm wurden mit dem Film, ist dabei durchaus begreiflich. Anders als etwa das publikumswirksam adaptierte „No Country for Old Men“ kennt McCarthys Skript keine Zugeständnisse an eine konventionelle Thriller-Dramaturgie. Zwei Stunden lang watet man im kräftezehrenden Wechsel vor und zurück durch Dekadenz und Elend, Sex und Tod, Schampus und Gülle und kommt doch nicht recht vom Fleck. Das ist aber kein Makel, sondern der Art geschuldet, in der Cormac McCarthy auf die Welt blickt. Der Mensch ist bei ihm nur dort ganz Mensch, wo ihm der soziale Zuckerguss des zivilisierten Lebens abgeht. Zurückgeworfen aufs Fressen und Gefressenwerden enthüllen die einen ihr wahres Gesicht in sinnlosen Gräueltaten, die die anderen bestenfalls stoisch erdulden.

Gut für den, der das klaglos zu akzeptieren vermag. Gut für das Kino, dass es sich solch einen bleiernen Zynismus so todesmutig abzuringen weiß. Ridley Scott hatte eigentlich andere Pläne, als Cormac McCarthys Drehbuch vor rund zwei Jahren auf den Markt kam. Trotz bislang bescheidener Kassenerfolge hat er fraglos auf dem Karrierehighway die richtige Abfahrt genommen. „The Counselor“ darf man zu seinen schwierigsten Filmen zählen, aber auch zu denen, die bleiben werden.

Text: Jens Szameit / Fotos: 2013 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Counselor
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 117 Min.