Mit Ruhe und viel Blut

Um sich in die Rolle des ehemaligen CIA-Agenten Robert McCall hineinzuversetzen, nahm Denzel Washington nicht nur Unterricht bei einem Martial-Arts-Experten der Army, sondern beschäftigte sich auch mit dem Phänomen des zwanghaften Verhaltens. Denn die Hauptfigur im Action-Drama „The Equalizer“ besitzt so einige eigenartige Ticks. Laufend schaut er auf die Uhr. Er sitzt nachts lesend im Diner und lebt in einer fast vollständig leeren Wohnung. In seiner Adaption der gleichnamigen 80er-Jahre-Serie nähert sich Regisseur Antoine Fuqua, unter dessen Leitung Washington 2001 mit „Training Day“ einen Oscar gewann, der ambivalenten Figur des „Gleichmachers“ – und hätte sich dabei gegen Ende ruhig ein wenig kürzer fassen können.

Um Rache zu üben, muss man schon mal in die Residenzen russischer Oligarchen eindringen und warten.

 

Eigentlich ist Robert McCall offiziell ja tot. Zumindest glauben das diejenigen, mit denen er in seinem früheren Leben als verdeckter Ermittler der CIA zusammengearbeitet hat. Denn in Wirklichkeit ist der ehemalige Agent quicklebendig und führt unter neuer Identität ein bodenständiges Leben als Baumarkt-Mitarbeiter in Boston. Dort hat sich der von Washington überragend herausgearbeitete Ruheständler ein karges, aber entspanntes Exil eingerichtet, in dem ihm vor allem regelmäßige Tagesabläufe wichtig scheinen.

 

So sitzt McCall, Klassiker der Literatur schmökernd, jeden Abend in seinem Stammdiner. Etwas scheint dennoch nicht zu stimmen, man ahnt schwerwiegende psychologische Schäden aus der Vergangenheit. Außer Andeutungen erfährt der Zuschauer über das frühere Leben des äußerlich ruhenden, im Inneren aber brodelnden Mannes kaum etwas. „Ich mag diese Erklärungsszenen nicht, die immer mit ‘Als ich neun Jahre alt war …’ beginnen“ verriet Hauptdarsteller Washington über den Stil der Charakterentwicklung in „The Equalizer“.

Robert McCall (Denzel Washington, Mitte) hat sich nach einer Undercover-Agenten-Karriere für tot erklären lassen und arbeitet untergetaucht als Baumarkt-Mitarbeiter.

 

Dass McCall explodieren muss, zeichnet sich längst ab, als er in besagtem Diner die junge Teri (Chloë Grace Moretz) kennenlernt, die als Prostituierte von ihren Zuhältern erniedrigt und zum Sex mit gewalttätigen Freiern gezwungen wird. Mit einem Mal findet McCalls Lethargie und Zwanghaftigkeit ihren Kulminationspunkt: Sein Sinn für Gerechtigkeit und Rache kehrt zurück, er verspürt ein tiefes Bedürfnis, der Minderjährigen in ihrer aussichtslosen Lage zu helfen. Kaum begibt er sich auf die Suche nach ihren Peinigern, befindet er sich schon mitten im Kampf mit einer besonders klischeehaft und überzeichnet dargestellten russischen Mafiagruppe, deren Oberanführer lustigerweise Vladimir Puschkin heißt.

 

Von nun an wandelt sich „The Equalizer“ von einer unaufgeregten, bisweilen gar tiefsinnigen Charakterstudie zum blutig-gewalttätigen Action-Kracher. McCall entdeckt anscheinend lang verborgene Kräfte wieder und gerät zu einer Art unbesiegbarem Mash-Up-Charakter zwischen Robin Hood, MacGyver und Chuck Norris: So beschützt er nach Teri auch andere Hilflose mit roher Gewalt vor zwielichtigen Typen und packt dabei nicht nur seine Geheimagenten-Skills aus, sondern nutzt auch seinen Terminator-ähnlichen Blick auf Kampfsituationen. Selbstverständlich ist er handwerklich begabt und benutzt allerlei herumliegende Gegenstände und Werkzeuge überaus kreativ als Mordinstrumente.

Die minderjährige Teri (Chloë Grace Moretz) wird von russischen Zuhältern gepeinigt - bis Robert McCall ihr hilft.

 

Ob mit dem Korkenzieher, mit Glasscherben oder in der großen Final-Szene aus dem vielfältigen Baumarkt-Angebot schöpfend: Das Blut fließt in Strömen, die Knochen brechen, und McCall meuchelt in aller Seelenruhe – Rache ist seine Therapie. Das ist bis zu einem gewissen Punkt wirklich unterhaltsam und befriedigt den uns allen innewohnenden Wunsch nach bittersüßer Vergeltung. Leider schafft es Fuqua am Ende nicht, wieder einen Bogen zum Beginn des Filmes zu schlagen.

 

„The Equalizer“ verharrt nunmehr in langwierigen Actionszenen, die man bereits tausendfach gesehen hat: schlagen, schießen, stechen, springen und wieder von vorn. Das tolle Schauspiel Washingtons und die intensive Verkörperung des russischen Fieslings Teddy durch Marton Csokas werden so von mittelmäßiger Actionkost überlagert. 20 Minuten weniger hätten „The Equalizer“ wirklich sehr gut getan.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Equalizer
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Sony
Laufzeit: 132 Min.