Von Menschen und Maschinen

Genies werden nie verstanden. Zumindest nicht von ihren Zeitgenossen. Genialität macht Angst, und Genialität macht einsam. Dass Genies bisweilen Defizite im zwischenmenschlichen Bereich haben, arrogant wirken oder sozial unbeholfen sind, ist diesbezüglich nicht gerade hilfreich. Das musste auch der Brite Alan Turing (1912 – 1954) erfahren, auf dessen theoretischen Grundlagen die moderne Computertechnologie fußt. Benedict Cumberbatch spielt den genialen Mathematiker und Informatiker, der als Kriegsverräter galt und wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde. Prachtvoll inszeniert, ist die Filmbiografie „The Imitation Game“ zwar schön anzusehen, aber nur selten fesselnd.

Mensch oder Maschine? Kriegsheld oder Verräter? Benedict Cumberbatch liefert als Alan Turing eine glanzvolle Vorstellung.

 

Biopic, Sittengemälde, Spionagethriller: Regisseur Morten Tyldum inszenierte seinen Film als wilden Mix mit viel Stilbewusstsein. Im Mittelpunkt steht Turings Arbeit im Zweiten Weltkrieg, als er den ersten Computer der Welt baute, um die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma zu knacken – was für den Ausgang des Krieges von unschätzbarem Wert war. Als Leiter einer Gruppe von Wissenschaftlern, darunter auch die selbstbewusste Joan Clarke (Keira Knightley), musste sich Turing in der Militäreinrichtung Bletchley Park aber nicht nur mit mathematischen, sondern auch mit menschlichen Problemen auseinandersetzen.

 

„The Imitation Game“ ist auch das humanistische Porträt einer Zeit, in der Homosexualität verfolgt und bestraft wurde und Frauen in eng geschnürte Rollenkorsetts schlüpfen mussten. Das Leben, das Turing und seine talentierte Mitarbeiterin Joan Clarke führten, war immer auch ein gefälschtes Rollenspiel: Der Mathematiker musste seine sexuelle Orientierung verbergen, seine talentierte Mitarbeiterin vor der Gesellschaft verheimlichen, dass sie allein gleichberechtigt in einer Gruppe von Männern arbeitet.

Seien charmante Kollegin Joan Clarke (Keira Knightley) bringt Alan Turing (Benedict Cumberbatch) menschliche Verhaltensweisen bei.

 

Vorgesetzte und Kollegen hassten Turing förmlich: Turing wird als Autist dargestellt, der sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann. Das führt naturgemäß zu Missverständnissen und damit verbunden zu – wohl kalkulierten – Momenten der Heiterkeit. Man soll sich wohlfühlen im Kino, und das kann man auch. Dass Alan Turing dieses prachtvoll ausgestattete und glänzend besetzte Filmdenkmal verdient, dass seine Lebensgeschichte wert ist, einem breiten Publikum erzählt zu werden, steht außer Frage.

 

Doch leider bleibt die konventionelle Inszenierung an der Oberfläche und verhindert tiefere Erkenntnisse. Man sieht jeder Einstellung an, dass der Film für die Festivalsaison produziert wurde: Weil man aber zu offensichtlich auf Golden Globe (fünf Nominierungen, kein Preis) und Oscar schielt, verschwinden Konflikte aus dem Blickfeld, spielen Nuancen keine Rolle und werden die wahren Geheimnisse dieses Genies nicht entschlüsselt: Schlaglichter auf die Internatsjahre des schüchternen Außenseiters und die frühen 1950-er, in denen Turing zur chemischen Kastration verurteilt wurde, erklären den Menschen im Genie nur leidlich.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © SquareOne Entertainment
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

"The Imitation Game" ist ein überfälliges Kinodenkmal für Alan Turing, den Erfinder des Computers.

 

 
 
 
Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Imitation Game
Genre: Drama
Freigabealter: 12 (beantragt)
Verleih: SquareOne Entertainment
Laufzeit: 114 Min.