Mitgehangen – mitgefangen?

Lustvoll zerdeppern sie Glasschränke mit bemalten Porzellan-Servicen, häuten die edle Tapete von den Wänden und schlitzen elegante Sessel und Sofas mit dem Rapier auf, dass Federn und Fetzen fliegen. Die zehn jungen arroganten Herren aus der Upper-Class, die sich so austoben, haben entschieden zu viel getrunken. Doch letztlich verwüsten sie den Club-Raum eines Pubs, weil sie sich nicht ihrem Stand gebührend behandelt fühlen. Der Wirt hat eben nicht, wie er glaubt, den „Club junger Unternehmer“ zu Gast, sondern die berüchtigte Oxforder Studentenvereinigung „The Riot Club“. Das gleichnamige Filmdrama entlarvt nicht nur den Elitenkult, es verpasst ihm eine schallende Ohrfeige. Und hält bis zur allerletzten Einstellung mit einer Frage in Spannung: Was zählt mehr – der Einzelne und sein Gewissen oder die gesellschaftliche Position?

Der "Riot Club" nimmt zu einem Dinner Platz, bei dem lebensgefährlich die Fetzen fliegen werden.

 

Die Antwort darauf glaubt Miles Richards (Max Irons) für sich gefunden zu haben, als er sein Studium in Oxford antritt. Sein Kommilitone Alistair Ryle (Sam Claflin) ist sich da nicht so sicher. Seine adlige Herkunft verbergend, beginnt Miles ein Liebesverhältnis mit der unauffälligen Lauren (Holliday Grainger) aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Alistair, ebenfalls aus bedeutender Familie, versucht hingegen mit seinem sozialen Status Minderwertigkeitsgefühle wettzumachen.

 

So ist Miles nur geschmeichelt, als ihn der ebenso elitäre wie exzessive „Riot Club“ aufnimmt, während Alistair dadurch endlich mit dem hoch gerühmten älteren Bruder gleichziehen kann. Miles ist Alistair aber ein Dorn im Auge, seit er ihm vor seinen Eltern großmütig – für Alistair herablassend – sein Zimmer im College überließ. Ryle will sich rächen, und das Aufnahme-Dinner für die Neulinge gibt ihm Gelegenheit dazu. Durch seine Intrige wird Lauren sexuell schwer gedemütigt. Aber es kommt noch zu weit Schlimmerem.

Lauren (Holliday Grainger) und Miles (Max Irons) verlieben sich ineinander.

 

„The Riot Club“ verdankt seine herausragende Qualität zwei kreativen Frauen, die dem Konflikt zweier junger Männer sozialkritische Wucht geben. Junge Dame aus der unteren Mittelschicht trifft jungen Mann aus der Oberschicht, der sich nicht unbedingt als Prinz entpuppt – die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat in „An Education“ und „Zwei an einem Tag“ die Clash-of-Class-Thematik bereits ausgebreitet. Aber erst die Dramatikerin Laura Wade steuert für so ein Sujet mit dem Drehbuch zu „The Riot Club“, das auf ihrem Theaterstück „Posh“ beruht, die nuancierte Charakterzeichnung, exakte Milieubeobachtung und scharfzüngigen Dialoge bei.

 

Dass der „Riot Club“ sein Vorbild in existierenden exklusiven „Dining societies“ hat, denen auch Britanniens Premier David Cameron angehört haben soll, beunruhigt in höchstem Maße. Sind die Mitglieder solcher Vereine tatsächlich destruktiv, zynisch, frauenfeindlich und menschenverachtend, muss man im Falle, dass sie Verantwortung übernehmen, das Schlimmste befürchten.

Pub-Besitzer Michael (Michael Jibson) und seine Tochter Rachel (Jessica Brown Findlay) ahnen nicht, wie schrecklich der Abend mit dem "Riot Club" werden wird.

 

Dabei bricht der Film die politische Diagnose immer im Prisma des persönlichen Dramas: Während Miles’ moralisches Urteilsvermögen durchs Klassenbewusstsein verblendet zu werden droht, findet Ryle mehr und mehr Halt an seinem Hass auf „die Armen“. Wird wenigstens Miles aus seiner „mitgehangen – mitgefangen“-Mentalität erwachen? Die melancholische Skepsis von Eric Burdons Song „Good Times“, als Teil glänzend eingesetzter Musik während der Pub-Verwüstung gespielt, lässt bangen. Die Zeit mit „The Riot Club“ ist jedenfalls aufrüttelnd und aufwühlend.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2014 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Posh
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Prokino
Laufzeit: 107 Min.