Von der Gier wohlgenährt

Über Martin Scorsese neuestem Werk schwebt in den USA die Kritik, es verharmlose die Machenschaften der Finanz- und Investmentindustrie. Scorsese verkläre, verehre sogar seine schmierige Hauptfigur. Der von Leonardo DiCaprio sensationell verkörperte, vor Geld stinkende Antiheld Jordan Belfort wurde in den 90-ern als „The Wolf Of Wall Street“ bekannt. Er machte ein Vermögen, indem er millionenfach „Müllpapiere an Müllmänner“ verkaufte. Wie viel Schaden der Investmentbanker anderen Menschen dabei zufügte, lässt Scorsese tatsächlich weitestgehend außer Acht. Doch während er Belforts Leben in Saus und Braus zeigt – mit all seinen von Rodrigo Prieto („Argo“) filmisch perfekt eingefangenen (Drogen-)Trips – vergisst der New Yorker keineswegs, die Moralkeule zu schwingen.

Die Gier der anderen nährt die eigene: Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) lässt es sich auf seiner Yacht gut gehen.

 

Zu großen Teilen besteht „The Wolf Of Wall Street“ aus ganz bizarren, unwirklich wirkenden Rauschphasen: Die Kamera fliegt durch das Großraumbüro, nimmt verstörende Gesichter auf, zeigt die Finanzhaie, jenseits jeder Moralvorstellung. Belforts Firma, Stratton Oakmont, kommt einem Zirkus gleich und das Wort „Fuck“ fällt im Film beinahe öfter als in nunmehr 17 Staffeln „South Park“. Auf Reisen, zu Hause oder auf irgendeiner der vielen wilden, vor hübschen Mädchen nur so strotzenden Partys feiern die Abzocker einen Exzess nach dem anderen. Wenn Belfort und seine Adjutanten mit Tabletten vollgestopft schwitzend am Boden kriechen und ihre Außenwelt nicht mehr ganz wahrzunehmen scheinen, erinnert die Inszenierung an „Fear And Loathing In Las Vegas“, nur ohne wilde Halluzinationen.

Ein Highlight gleich zu Beginn: Matthew McConaughey redet sich als Belfort-Mentor Mark Hanna in Rage und führt seinen Schüler in die Welt der Wall Street ein.

 

Tatsächlich macht es Spaß, diesem Treiben zuzusehen. DiCaprio spielt den 22-jährigen Naivling, der Jordan Belfort zu Beginn seiner Karriere war, genauso brillant wie später den abgehobenen, hypnotisierend grinsenden Geldsack, der sein gestohlenes Vermögen buchstäblich zum Fenster hinaus wirft. Die Kamera klebt an Leo, scheint ihn förmlich zu lieben – und auch als Zuschauer kommt man kaum umhin, dieses Arschloch Belfort erschreckenderweise trotz allem ein bisschen zu mögen.

Der von Leonardo DiCaprio verkörperte, vor Geld stinkende Antiheld Jordan Belfort wurde in den 90-ern als "The Wolf Of Wall Street" bekannt.

 

„The Wolf Of Wall Street“ ist eine dramatische Komödie geworden, die Jordan Belfort keineswegs als vollkommenes Monster darstellt. Doch spätestens zum Ende hin, wenn die Hauptfigur in ihrer heutigen Rolle als Motivationstrainer zu sehen ist und die Kamera durch das Publikum fährt, holt Scorsese noch einmal den moralischen „Gier-Hammer“ heraus. Ein Mann, der Menschen um hunderte von Millionen betrogen hat, ein Mann, der seine engsten Kumpane der Justiz auslieferte, ist noch immer Vorbild für Abertausende. Wie einst seine Adjutanten und Jünger an der Wall Street kleben nun die Zuhörer an seinen Lippen, notieren sich seine Weisheiten, wollen sein wie er: Erst die Menschen machen die Finanzwelt zu einer Schweinewelt. Doch auch wer diese gut verpackte Botschaft nicht sehen will, bekommt einen gut gemachten, grandios gespielten Film zu sehen, der seiner Überlänge zum Trotz stets kurzweilig bleibt.

 

Text: Max Trompeter / Fotos: MMXIII TWOWS, LLC. / Mary Cybulski
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: The Wolf Of Wall Street
Genre: Komödie
Freigabealter: 16
Verleih: Universal
Laufzeit: 180 Min.