Wer bist du, Andre Allen?

Draußen hämmern die Beats des Nachtclubs. Wohl weil es sich um ein recht teures Lokal handelt, sind die Toilettenkabinen recht geräumig. In einer von ihnen haben sich der prominente Witzbold Andre Allen (Chris Rock) und die Journalistin Chelsea Brown (Rosario Dawson) gerade heftig geküsst, doch nun halten sie sich sehr in den Armen. Auf „Drei“ wollen sie einander loslassen. Sagen sie sich und fangen an zu zählen. Solche Szenen der sich immer mehr annähernden Turteltauben gibt es einige.

Sie sind von unerhörter Zartheit, ragen aber überraschenderweise nicht heraus. Denn „Top Five“ ist zwar eine Komödie – aber eine, die sich diszipliniert und ruhig entfaltet. Chris Rock, hier Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, bemüht sich sehr bewusst um Ernsthaftigkeit und ist dabei nicht erfolglos.

Andre Allen (Chris Rock) und die ihn begleitende Journalistin Chelsea Brown (Rosario Dawson) kommen erst gesprächs-, dann kussweise kaum voneinander los.

 

Eigentlich handelt es sich um einen Meta-Film, einen Film übers Filmemachen. Der afroamerikanische Standup-Comedian Andre Allen kommt aus kleinen Verhältnissen und ist mit den „Hammy Bear“- Blockbustern berühmt geworden. Im Bärenkostüm kennen ihn alle. Aber das reicht ihm nicht. Er möchte als seriöser Schauspieler in einem Film mit einem Anliegen glänzen. Doch „Uprize“, ein Streifen über die erfolgreiche Revolution der Sklaven auf Haiti Anfang des 19. Jahrhunderts, droht ein Desaster zu werden.

 

Also macht Allen fleißig Promotion. Beantwortet die schrägsten Interviewfragen. Macht sich im Radio zum Affen. Veranstaltet in Universitäten Fragestunden für Studenten. Zwischendurch ruft ihn seine zukünftige Braut Erica Long (Gabrielle Union) an, keine Kollegin, sondern eigentlich nur Celebrity-Gewächs, das mit einer Live-Übertragung der Hochzeitsfeier und allem Drum und Dran populär werden will. Dann wird im Auftrag der „New York Times“ Chelsea vorstellig und begleitet ihn einen Tag lang. Sie will mehr oder weniger herausfinden, wer Andre Allen wirklich ist. Der beginnt sich zu sorgen, wann sie herausbekommt, dass er nicht mehr witzig sein kann, seit er aufgehört hat zu trinken. Doch es kommt alles nicht sehr, aber etwas anders.

Andre Allen (Chris Rock) und die ihn begleitende Journalistin Chelsea Brown (Rosario Dawson) kommen erst gesprächs-, dann kussweise kaum voneinander los.

 

Komödiant Chris Rock ringt mit seiner Bestandsaufnahme der Krise eines Filmschaffenden mit großen Vorbildern. Fellinis „8 1/2“, Fassbinders „Warnung vor einer heiligen Nutte“ und Woody Allens „Stardust Memories“ sind bloß die unsterblichen der verfügbaren Beispiele. An solchen Klassikern kann sich „Top Five“ natürlich nicht messen. Aber Rock bleibt bei seiner Erzählung erstaunlich nüchtern und überzeugt damit durchaus. Die Chronologie der Ereignisse wird wie im Arthouse-Kino durchgeschüttelt, wenn auch nur sachte. Überbordend vulgär wird es nur in einer Rückblende, in einer Anekdote aus Andre Allens Memoiren.

 

Der Blick von innen auf das Unterhaltungsgewerbe – mit „Top Five“ sind deren führende Talente gemeint – fällt wenig schmeichelhaft bis satirisch aus. Überall lauern Schnorrer, auch aus dem Leben vor dem Ruhm. Und wenn man das ganz große Spiel um Geld und Glamour nicht mehr mitmachen will, wird man schnell an seine Schuldigkeiten erinnert. Wer oder was ist Andre Allen? Ein Papagei. Er muss sich dabei zuhören, wie er brav aufsagt, was ihm aufgetragen worden ist. Gaststars wie Adam Sandler und Whoopi Goldberg werden hingegen sogar explizit in ihrer Kritik und äußern sich schon fast zynisch über die heuchlerische Publicity ihres Gewerbes. Liebe hat in diesen Gefilden keine Chance. Fast keine.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2014 Paramount Pictures / Ali Paige Goldstein
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Chris Rock, eigentlich für deftige Komödien bekannt, überrascht in "Top Five" als Regisseur und Hauptdarsteller mit nachdenklichen bis satirischen Untertönen.

 

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Top Five
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Paramount
Laufzeit: 102 Min.