Kleine Engel mit schmutzigen Gesichtern

Sozialromantik extrem: Zwischen Dreck und Gestank einer Müllkippe in Brasilien keimt im Drama „Trash“ Hoffnung auf, als clevere Jungs einer Korruptionselite auf die Spur kommen.

 

Regisseur Stephen Daldry (hinten) darf mit seinen kindlichen Darstellern Gabriel Weinstein (vorn links) als Rato und Rickson Tevez (vorn rechts) als Raphael sehr zufrieden sein.

 

„Hey – habt Ihr zufällig eine Brieftasche gefunden?“ – Wenn die brasilianische Polizei gleich mit mehreren Streifenwagen zu einer Müllkippe rausfährt und solche Fragen stellt, ist den in Wohlstandsabfällen wühlenden Menschen klar, dass etwas nicht stimmen kann. Die Version, es handle sich um das Beweisstück für ein Verbrechen, glauben sie keine Sekunde. Teenager Raphael (Rickson Tevez), der die Börse gefunden hat, vermutet ein Geheimnis. So funktioniert die sozialromantische Detektivgeschichte „Trash“: Was scheinbar keinen Wert hat, weil es auf der Deponie gelandet ist, erweist sich als besonders kostbar. Genau wie die ehrlichen Menschen, die hier unter unwürdigen Bedingungen nach Verwertbarem suchen. Drumherum herrschen Gewalt und Korruption durchs große Geld. Doch vielleicht nicht mehr lange …

 

Ein Ausweis, ein Streifen Fotos, etwas Geld, ein Zettel und ein Schlüssel: Mehr hat Raphael nicht in der Brieftasche entdecken können, für die sich die Polizei so brennend interessiert. Doch schon anhand dieser wenigen Anhaltspunkte stellt Raphael zusammen mit seinen Kumpels Gardo (Eduardo Luis) und Rato (Gabriel Weinstein) erste Nachforschungen an. Dank des Laptops von Father Juillard (Martin Sheen), dessen sie sich in unbeobachteten Momenten bedienen, finden sie heraus, was in verwaschener Schrift auf dem Zettel steht.

Auf der Suche nach der Brieftasche gerät der korrupte Ermittler Frederico (Selton Mello) oft genug in eine Sackgasse.

 

Aber die Polizei schläft nicht. Ermittler Frederico (Selton Mello) soll auf Befehl von oben unbedingt die Brieftasche wiederbeschaffen – koste es, was es wolle. Er entführt Raphael und quält ihn. Doch die Jungen lassen sich nicht einschüchtern. Sie stoßen auf einen wichtigen Brief, treffen mit Hilfe der NGO-Mitarbeiterin Olivia (Rooney Mara) einen Oppositionellen im Gefängnis und begreifen erst allmählich, dass sie drauf und dran sind, einen Korruptionsskandal aufzudecken, in dem es um sehr viel Geld geht.

 

Auf der Grundlage einer idealistisch gesinnten Romanvorlage entwirft Regisseur Stephen Daldry („Der Vorleser“, „The Hours – von Ewigkeit zu Ewigkeit“) mit den im tiefsten Elend satten, sonnigen Farben der Kamera von Adriano Goldman eine positive Gegenwelt an einem schrecklichen Ort. Sie wird geprägt von den jugendlichen Helden. Mit Können und Ausstrahlung verkörpert, personifizieren sie das Unverdorbene, sind gleichsam Engel mit schmutzigen Gesichtern und dazu berufen, Gutes zu tun. Sie sind klug, geschickt und auch in der Schwäche stark. Die Erwachsenen hingegen sind überfordert (Father Juillard, Oliva) oder korrupt.

Rooney Mara spielt die NGO-Mitarbeiterin Olivia.

 

Der Film nimmt sich die Freiheiten, die er braucht. Brutalität wird auf das Erträgliche eingedämmt. Obwohl der Slum in einem Wasser steht, in dem Abfall schwimmt, besitzt er bei Mondlicht einen gewissen pittoresken Charme. Daldry spielt jedoch mit offenen Karten: Er bekennt, dass er mit Wundern jongliert, um seine Geschichte erzählen zu können. Entsprechend äußert Raphael einmal, man müsse eben daran glauben, dass das Unmögliche gelingen kann.

 

Damit weder etwas unverstanden bleibt noch die Aufmerksamkeit verloren geht, konstruiert Daldry Perspektivenwechsel und Rückblenden, die nicht nur die Vorgeschichte der Brieftasche erhellen, sondern auch für starke Effekte sorgen. Weil die Kids vielen Häschern entwischen, ist immer für Action gesorgt. Nur das schmalste Loch und die Häusersimse für Kinderfüße bieten Entkommen. Die Klettermaxe immer mehr zu Erlösern eines ganzen Landes zu stilisieren, ist allerdings viel zu viel des Kinder-an-die-Macht-Pathos.

 

 

Text: Andreas Günther / Fotos:© Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

"Trash" bietet eine sozialromantische Detektivgeschichte um drei Teenager von einer brasilianischen Müllkippe, die einem Korruptionsskandal auf die Spur kommen.

 

 

 

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Trash
Genre: Drama
Freigabealter: ab 12 Jahren
Verleih: Universal
Laufzeit: 114 Min.