Norwegische Feuchtgebiete

Pubertät in einem norwegischen Kaff klingt nicht unbedingt verlockend. Ist es auch nicht: Wenn man sich die Hausaufgaben mit einem Anruf bei der Telefonsexhotline versüßt, kommt die Mutter (Henriette Steenstrup) eher nach Hause und man muss unterbrechen und zurück zum Schulheft eilen. Das ist nur eine der mutigen Szenen in „Turn Me On“, und die zu spielen, ist sicher nicht leicht. Schauspieldebütantin Helene Bergsholm meistert die Aufgabe mit Bravour.

Die heikle Szene: Alma (Helene Bergsholm) sieht sich am Ziel ihrer Träume, als Artur (Matias Myren) auf einer Party mit nach draußen kommt. Doch dann passiert etwas Komisches.

 

Sex spielt im Leben der 16-jährigen Alma (Helene Bergsholm) eine große Rolle – weil sie keinen hat. So tagträumt sie sich in die wildesten Situationen, möchte aber eigentlich nur von ihrem Schwarm Artur (Matias Myren, ebenfalls zum ersten Mal vor einer Kamera) romantisch verführt werden.

 

Wenn Wunsch und Realität so weit auseinanderklaffen, kommt es zu bekannten Übersprungshandlungen: Bier kaufen, in der Bushaltestelle des Heimatskaffs zusammensitzen, lästern, lügen, hetzen. Immer wenn sie an ihrem Ortsschild vorbeifahren, recken Alma und ihre Freundin Sara (Malin Bjørhovde) den Buchstaben den Mittelfinger entgegen. Wie lange soll das noch dauern? Wie lange müssen sich die gelangweilten jungen Frauen noch Ratschläge wie „Trink nicht, bis du kotzt – oder sogar schwanger wirst“ anhören?

Traum oder Realität? Alma (Helene Bergsholm) mag Artur (Matias Myren), aber da ist sie nicht die Einzige. Und die Konkurrenz neigt zu unfairen Mitteln.

 

Für Alma wird alles noch schlimmer: Sie schubst sich mit einer ungeschickten Bemerkung ins Abseits. Und hat nun neben Schulden bei der Telefonsexhotline noch ein Problem mehr: Ihre Freundinnen wenden sich ab.

 

Regisseurin Jannicke Systad Jacobsen, geboren 1975, findet schöne Bilder für ihre Geschichte. Die Weite Norwegens hilft ihr da ein bisschen, die pittoreske Kleinstadt ebenso. Die Träume der Hauptfigur sind herrlich fantasievoll und lustig, doch trotz aller Traumtänzerei bleibt „Turn Me On“ bei der Sache. Er verweichlicht nicht, gibt nicht nach, bleibt realistisch und vergisst auch nichts. All die kleinen Unwichtigkeiten vom Lipgloss-Wahn bis zur Kollision von Überheblichkeit und Unsicherheit, die im Alter von 16 unausweichlich ist.

Die Drei von der Bushaltestelle: Alma (Helene Bergsholm, Mitte) und ihre Freundinnen haben keine Idee, was sie mit ihrem Tag anfangen sollen. Sara (Malin Bjorhovde) will die Welt retten, Ingrid (Beate Stofring) ist eher auf ihren Lipgloss und ihre Wirkung konzentriert.

 

Trotz eifersüchtiger Freundinnen und unreifer Jungs bleibt Almas Geschichte besonders. Sie wird nicht zu schwer und klebt auch nicht am Klischee fest. Dies ist dem natürlichen Stil des Skripts zu verdanken, der von der gut 20-jährigen Helene Bergsholm wie selbstverständlich transportiert wird. Es fällt einem bei diesem Film das schwedische Pendant „Raus aus Amal“ von Lukas Moodysson ein. Vor 16 Jahren setzte der Regisseur mit seinem aufsässigen Spielfilmdebüt Akzente, was die Jugenddarstellung betrifft. „Turn Me On“ vermag das heute ebenfalls. Er wurde bereits auf dem Tribeca Filmfestival ausgezeichnet für das „Beste Drehbuch“ und für das „Beste Debüt“ auf dem Internationalen Filmfestival Rom.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © W-film / Motlys
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Fa meg pa, for Faen
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: W-Film
Laufzeit: 76 Min.