Leiden bis zum Anschlag

In Hollywood ist es mittlerweile gang und gäbe, dass sich die größten Leinwandstars auch hinter der Kamera verwirklichen, um Geschichten zu erzählen, die ihnen am Herzen liegen. So wie George Clooney, Ben Stiller und eben auch Angelina Jolie, die durch ihr Engagement als UNO-Botschafterin regelmäßig mit dem gegenwärtigen Elend in der Welt konfrontiert wird. In ihrem Regiedebüt „In the Land of Blood and Honey“ inszenierte sie 2011 eindrucksvoll ein bosnisches Kriegsdrama und sezierte mit starrem Blick das unerträgliche Ausmaß menschlicher Gewalt. Auch in ihrem neuen Epos geht es um Grausamkeiten in Zeiten des Krieges. Genauer gesagt um den berühmten Olympia-Sprinter und US-Soldaten Louis Zamperini, der während des Zweiten Weltkrieges in japanische Gefangenschaft gerät.

Gefangen in Japan: Louie (Jack O'Connell, zweiter von links) ist dem sadistischen Lagerchef "The Bird" (Miyavi, rechts) ausgeliefert.

 

Der Film beginnt in bester Bruckheimer-Manier mit solider Hollywood-Action: Japanische und amerikanische Bomber liefern sich über den Wolken schwere Gefechte. Mit an Bord ist auch Louis „Louie“ Zamperini (der britische Newcomer Jack O’Connell, „This is England“), der den Kampf mit seinen Kameraden mit Ach und Krach überlebt. Kurz darauf rücken die Soldaten zum nächsten Einsatz aus und müssen auf dem Pazifik notlanden, weil zwei Triebwerke ausgefallen sind. Nur Louies Freund Phil (Domhnall Gleeson aus „Alles eine Frage der Zeit“) und sein Kamerad Mac (Finn Wittrock) überleben.

 

47 endlose Tage, die Jolie ohne Angst vor Längen bebildert, verbringen die Männer auf einem Schlauchboot, sie überstehen Hai-Attacken, Unwetter und einen Waffen-Angriff. Als vermeintlich Rettung in Sicht ist, sind es ausgerechnet Japaner, die Louie und Phil in ein Straflager bringen. Das Leiden hat also kein Ende und erfährt mit Louies Begegnung mit dem sadistischen Lagerkommandanten Mutsuhiro „The Bird“ Watanabe (der japanische Rockstar Miyavi in seinem Debüt als Schauspieler) seinen brutalen Höhepunkt. Aber Zamperini gibt nicht auf, sein Überlebenswille ist größer als alles andere. „Halte durch, dann kommst du durch“ – an diesen Rat seines Bruders Pete (Alex Russell) versucht er sich zu halten.

Verschollen im Pazifik (von links): Mac (Finn Wittrock), Phil (Domnhall Gleeson) und Louie (Jack O'Connell) hoffen auf Rettung.

 

Die Lebensgeschichte von Zamperini, der im Juli letzten Jahres verstorben ist, ist eindrucksvoll und außergewöhnlich. Aus dem Sohn italienischer Einwanderer, der kein Ziel im Leben hatte und als Junge nur Ärger machte – das erfährt der Zuschauer in den filmischen Rückblenden -, wird in der Folge ein Ausbund an Disziplin. Zamperini hat als jüngster Teilnehmer am 5.000-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin Geschichte geschrieben. Selbst in den Wirren des Krieges bleibt er ein Kämpfer. Die Autorin Laura Hillenbrand hat diese bewegende Vita aufgeschrieben, aus ihrem Bestseller strickten die Oscar-Preisträger Joel und Ethan Coen („No Country for Old Men“, 2007) das Drehbuch.

 

Wie schon in „The Land of Blood and Honey“, in dem Jolie haufenweise Massaker und Massengräber zeigte, agiert die Regisseurin auch hier mit größtmöglichem Pflichtbewusstsein hinter der Kamera und zeigt einmal mehr die ganze Hoffnungslosigkeit und Brutalität, mit der die gefangenen US-Soldaten konfrontiert sind. Sie konzentriert sich dabei in epischer Breite auf das Martyrium ihres Protagonisten, der im japanischen Lager aufs Übelste misshandelt wird.

Halte durch, dann kommst du durch: Louie (Jack O'Connell, rechts) mit Kameraden im Lager.

 

Die drastische, überdeutlich vermittelte Gewalt wird einem als Zuschauer allerdings schnell unerträglich. Von ihrem großen Helden Zamperini und dessen Innenwelt erfahren wir kaum mehr, als dass er als junger Kerl eine Wandlung durchgemacht hat und einen ausgeprägten Überlebenswillen hegt. Das gilt auch für Zamperinis Antagonisten, den grausam gezeichneten Lagerchef „The Bird“: Seine Hintergründe bleiben bis auf eine späte, kleine Szene im Film ebenfalls im Dunkeln.

 

So ist Angelina Jolie einmal mehr mit den höchsten und vermutlich besten Absichten angetreten, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der über sich selbst hinausgewachsen ist. Sie nimmt den Titel des Films leider zu wörtlich: Zamperini hat sich nicht brechen lassen, sicher. Aber die Darstellung seines Leids dominiert in einem Film, der so viel mehr hätte erzählen können. Nach über zwei Stunden verlässt man erleichtert und erschöpft zugleich das Kino. Als Kritiker bleibt man etwas ratlos zurück: Wem soll man diesen Film nun empfehlen?

 

Text: Heidi Reutter / Fotos: © Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Angelina Jolies neuer Film "Unbroken" erzählt die (Leidens-)Geschichte des Amerikaners Louie Zamperini.

 

 
 
 
Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Unbroken
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 137 Min.