Sterben ist kein Kinderspiel

Nicht auszudenken, was für ein schrecklicher Diskussionsfilm aus „Und morgen Mittag bin ich tot“ hätte werden können: Es geht um Sterbehilfe in der Schweiz, um selbst bestimmtes Sterben, wie es in Deutschland noch nicht möglich ist. Doch der Regisseur Frederik Steiner und seine junge Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries machen alles andere daraus: Obwohl die im Endstadium an der Lungenkrankheit Mukoviszidose erkrankte 22-jährige Lea ständig unter Atemnot leidet, obwohl sie einen schweren Sauerstoff-Kanister samt einer Kanüle, die zur Nase führt, mit sich schleppen muss, schaffte Steiner mithilfe der Schauspielerin einen eher leichten, manchmal sogar komischen Film, der zwar zu denken gibt, aber eben nicht mit dem Zaunpfahl winkt.

Lange will Leas Mutter (Lena Stolze, links) nichts vom Sterben ihrer Tochter wissen.

 

„Hallo Mama, Hallo Rita. Bin in Zürich. Würde gerne mit euch Geburtstag feiern!“ simst Lea an Schwester und Mutter daheim. Sie hat den Entschluss gefasst, ihr schmerzvolles Leben mit Hilfe einer Schweizer Sterbehilfsorganisation zu beenden. In Deutschland ist derartiges immer noch nicht erlaubt. Eine merkwürdige Umkehrung: Das Urlaubsland Schweiz, die Heimat Heidis wird zum Pilgerort der Sterbewilligen aus dem Nachbarland. Eine Ironie liegt darin, die der Film auch gar nicht umgeht: Bevor es so weit ist, gibt es eine letzte Dampferfahrt auf dem Zürisee und ein gutes Essen.

Lea (Liv Lisa Fries, links) will unter freiem Himmel sterben. Ihre Familie steht ihr dabei zur Seite.

 

Lea, die junge, sympathische Heldin des Films, nimmt’s gelassen. „Grüezi!“ sagt sie lässig zum Grenzposten, so wie jede Normaltouristin auch. Erst bei der Einquartierung in eine Zürcher Pension, einem Zwischenaufenthalt vor dem eigentlichen Geschehen, wird dem Zuschauer mulmig. Die freundliche Pensionschefin allerdings mildert die vorhandenen Ängste ab. Mit Minh-Khai Pan Thi ist sie genau so tadellos besetzt, wie ausnahmslos alle Rollen des Films. Und dann ist ja da auch noch der psychisch kranke Pensionsgast Moritz (Max Hegewald), der gleichfalls sterben will und mit seiner lockeren Art auf Lea mächtig Eindruck macht.

"Nie mehr Treppensteigen, nie mehr sich davor fürchten müssen, zu ersticken!" sagt Lea (Liv Lisa Fries, Mitte). In einer Zürcher Pension wird ihr erstmal noch geholfen. (Hinten: Minh-Khai Pan Thi als Pensionschefin.)

 

Fast scheint es, als könne er Lea doch noch aufhalten auf dem Weg zu ihrem selbst bestimmten Ende. Das ist geschickt gemacht, wie so manches am Drehbuch der Autorin Barbara te Kock (Münchner Drehbuchwerkstatt). Wie Lea später mit der inzwischen in Zürich eingetroffenen Familie ringt, mit der Bestimmtheit einer Todgeweihten und dem schwarzen Humor einer Chancenlosen, das ist glaubhaft und gar großartig. „Nie mehr Treppensteigen, nie mehr sich davor fürchten müssen, zu ersticken!“ – Argumente sind das, denen sich auch eine bangende Mutter nicht entziehen kann.

Mit ihrer Schwester (Sophie Rogall, links), ihrer Mutter (Lena Stolze, zweite von links), einem Begleiter (Johannes Zirner) und ihrer Großmutter (Kerstin De Ahna) feiert Lea (Liv Lisa Fries, Mitte) ein letztes Mal.

 

Klar ist Liv Lisa Fries als leidende, um Atem ringende Lea, die dennoch nie den Humor verliert, die sympathische Ikone des Dramas. Ihr Bild mit der Kanüle im wachen Gesicht wird für immer bleiben. Aber diese Fallstudie ist auch ein erstaunlicher Ensemblefilm, dessen Personen einfach stimmen, von der Mutter (Lena Stolze) bis hin zur Sterbe-Ärztin (Bibiana Beglau) in ihrer neutral helfenden Strenge. Wie auch die Heldin selbst, macht sie klar: Dieses Sterben ist kein Kinderspiel, es erfordert harte Arbeit an sich selbst bis zuletzt und einen starken Willen.

Und morgen Mittag bin ich tot

 

Frederik Steiners Erstling (nach mehreren Kurzfilmen) ist ein Plädoyer für Selbstbestimmung, also für das Recht auf das eigene Leben und den darauf folgenden Tod. Doch mit dieser Türe fällt der Film nicht ins Haus, weil er in jeder Sekunde sehr nahe bei seinen handelnden Personen bleibt und keinerlei Leitartikel-Parolen zur Sterbehilfe drüberstülpt.

 

Text: Wilfried Geldner
Fotos: © Universum / Krause-Burberg / Peter Heilrath Filmproduktion
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universum
Laufzeit: 102 Min.