Poetisch schreien – und vielleicht gehört werden

„In der Literatur kommt das Leiden des Menschen zur Sprache“: Wenn man das Biopic „Violette“ sieht, scheint der berühmte Ausspruch der Dichterin Ingeborg Bachmann auf ihre französische Kollegin Violette Leduc gemünzt worden zu sein. Über ihr armes, unglückliches, chaotisches Leben im Frankreich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schreiben, befreit sie. Aber es schafft auch neue Abhängigkeiten.

Die große Autorin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain) stellt ihr in den 1950er-Jahren ein regelmäßiges Einkommen in Aussicht – wenn sie denn bitteschön über lesbische Liebe, Abtreibung und andere Tabuthemen schreibt. Violette (Emmanuelle Devos) bemerkt bitter: „Dann könnte ich ja ebenso gut auf den Strich gehen.“

Violette Leduc (Emmanuelle Devos) leidet darunter, ungeliebt und hässlich zu sein.

 

Weiter könnte Violette nicht davon entfernt sein, dass sich ihr größer Wunsch einmal erfülle: geliebt zu werden. Als unerwünschtes Kind ihrer Mutter Berthe (Catherine Hiegel), deren Schwangerschaft die Verheiratung notwendig macht, kommt sie 1907 zur Welt. Früh haftet ihr der Makel an, hässlich zu sein. Sie verknallt sich in Männer und Frauen, meist unerwidert, und versucht sich als Modejournalistin. Der schwule Schriftsteller Maurice Sachs (Olivier Py) ermuntert sie während der deutschen Besatzung immerhin zum Schreiben. Sie bewundert die schon arrivierte Simone de Beauvoir und findet durch sie einen Verlag für ihr erstes Buch. Aber ihre Schwärmerei für die elegante, kühle Dame geht ins Leere, ebenso ihre körperliche Sehnsucht nach einem ihrer Gönner, dem reichen, homosexuellen Parfümier Jacques Guérin (Olivier Gourmet). 1964 bringt „Die Bastardin“, versehen mit einem Vorwort Simone de Beauvoirs, endlich den großen Durchbruch.

Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain, links) bewundert Violette (Emmanuelle Devos), liebt sie jedoch nicht.

 

Violette Leducs Werk beweise, dass die Freiheit das Schicksal überwinde, sagte die Beauvoir einst in einem Interview. Die Qualität von „Violette“ zeichnet sich dadurch aus, dass Regisseur und Autor Martin Provost weiß, dass die Literatur Heil und Hölle zugleich sein kann. Der Film folgt zwar einer Chronologie, die in den 1940er-Jahren einsetzt, hat aber in seinen sechs Kapiteln immer wieder Violettes Auseinandersetzung mit dem Schreiben zum Zentrum. So sensibel und genau wie in kaum einem Film in letzter Zeit werden Kreativität und ihre Risiken thematisiert. Einer scheinbar übermächtigen patriarchalischen Gesellschaft, die bis in die Verlagsetagen hinein herrscht, schleudert Violette ihren poetischen, aber ungekünstelten Schrei entgegen. Ein Schrei gegen die Unterdrückung und das Verschweigen der weiblichen Sexualität und für die Achtung der Menschenrechte der Frauen. Gleichzeitig nimmt der Kulturbetrieb Violette aber auch gefangen, und sei es, weil Simone de Beauvoir aus Violette zu machen versteht, was sie braucht – eine authentische Klagestimme für die Emanzipation.

Die Literatur ist ein Ventil für die vom Leben und der Liebe frustrierte Violette (Emmanuelle Devos).

 

Haben Autorinnen wie Violette Leduc die französische Nachkriegsgesellschaft verändert oder änderte sich diese selbst? Der Film formuliert das sehr geschickt als Frage. Für die heutige Zeit mahnt er mit seiner ungeschönten Hauptfigur, jenseits der Äußerlichkeiten die Wünsche und Bedürfnisse des einzelnen Menschen zu begreifen und zu achten. Emmanuelle Devos legt ihr ganzes Temperament in diese Paraderolle, die ihr hoffentlich große Aufmerksamkeit beschert. Was als Biopic angelegt ist, gewinnt jedenfalls trotz eines zu rosig gemalten Endes die Statur eines zeitlosen Dramas um Würde und Respekt.

 

Text: Andreas Günther/ Fotos: © Kool Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Violette
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Kool
Laufzeit: 138 Min.