Utopie al dente

Politische Satire im Film ist so eine Sache. Zu kompliziert sind in der Regel die Sachverhalte, als dass jeder sie verstünde. Um den Witz der Politgroteske zu erfassen, ist Konsenswissen Voraussetzung. Nanni Moretti, der stille Held des italienischen Intellektuellen-Kinos, hat es zuletzt 2007 mit „Der Italiener“ versucht, einer Satire über den unvermeidlichen Ex-Premier Berlusconi – mit mäßigem Erfolg. Auch Paolos Sorrentinos manieriertes Kinostück „Il Divo“ (2009) über die mafiösen Machenschaften des mehrfachen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti konnte an den Kinokassen nicht überzeugen. Der sizilianische Regisseur Roberto Andò, der sein Handwerk bei Fellini, Coppola und Michael Cimino gelernt hat, tut sich leichter. Er präsentiert mit „Viva la libertà“ fernab von komplexen politischen Fakten eine unbekümmerte Verwechslungskomödie, die bei allem Zynismus richtig gute Laune macht.

Oh wie schön ist Politik! Giovanni (Toni Servillo) findet Spaß an seiner neuen Rolle als Oppositionschef.

 

Das ist sicherlich vor allem das Verdienst des kongenialen neapoletanischen Schauspielers Toni Servillo, der unlängst für „La grande bellezza“ mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Hier spielt er den blassen Oppositionspolitiker Enrico Oliveri, der in die Krise geraten ist. Die Umfragewerte seiner Partei sind auf dem Tiefstand, er scheint dem Druck, der vergifteten politischen Atmosphäre, nicht mehr gewachsen. Über Nacht tritt er den Rückzug an und haut ab nach Paris, zu seiner früheren Geliebten Danielle (Valeria Bruni Tedeschi).

Lösung gefunden: In Giovanni (Toni Servillo) findet Andrea Bottini (Valerio Mastandrea) den perfekten Doppelgänger für Enrico.

 

Der Beraterstab, angeführt von seinem Mitarbeiter Andrea Bottini (Valerio Mastandrea), gerät in Panik: Sollte Oliveri nicht bald wieder auftauchen, ist die Partei am Ende. Doch während Enrico im fernen Frankreich in der Vergangenheit schwelgt, tritt zuhause in Rom überraschend sein Zwillingsbruder Giovanni Ernani (Toni Servillo) aufs politische Parkett, um Enricos Part zu übernehmen. Das Arrangement hat freilich einen Haken. Giovanni ist ein exzentrischer Philosoph, dem der italienische Politikbetrieb ein diebisches Vergnügen bereitet. Großes Gefasel und unkonventionelle Methoden sind genau sein Ding …

Zurück zum Artikel Roberto Andòs "Viva la libertà" ist eine gelungene Politsatire. © Arsenal Bild in Merkliste Bild direkt herunterladen Bild in den Warenkorb Oh wie schön ist Politik! Giovanni (Toni Servillo) findet Spaß an seiner neuen Rolle als Oppositionschef. © Arsenal Bild in Merkliste Bild direkt herunterladen Bild in den Warenkorb Lösung gefunden: In Giovanni (Toni Servillo) findet Andrea Bottini (Valerio Mastandrea) den perfekten Doppelgänger für Enrico. © Arsenal Bild in Merkliste Bild direkt herunterladen Bild in den Warenkorb Nicht quatschen, tanzen! Giovanni (Toni Servillo) betört die deutsche Kanzlerin (Saskia Vester).

 

Toni Servillo, der im überschätzten Epos „La grande bellezza“ von Paolo Sorrentino weit weniger darstellerische Facetten zeigt, erfüllt hier seine anspruchsvolle Doppelrolle mit unvergleichlicher Bravour: Den erschöpften, depressiven Enrico spielt er eher zurückhaltend und leise; dem Exzentriker Giovanni hingegen verleiht er die strahlende, charismatische Präsenz eines Irren, der überaus eloquent Brecht zitiert und mit seinen Phrasen Politik und Volk aufmischt – wenn auch auf unberechenbare Weise. Einen Narren zum politischen Helden zu machen, das ist ein genialer dramaturgischer Streich; auch dass die Politik im Film ad absurdum geführt wird, ihre Protagonisten in ihrer Durchschaubarkeit entlarvt und der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Eben das macht „Viva la libertà’“ so amüsant.

Politiker zum Anfassen: Alle lieben Giovanni (Toni Servillo) - den verrückten Doppelgänger.

 

Roberto Andòs feinsinniger Film war 2013 gleich zwölf Mal für den italienischen Filmpreis Davide di Donatello nominiert. Gewonnen hat er ihn zu Recht für das beste Drehbuch, Valerio Mastandrea erhielt die Prämie als bester Nebendarsteller. Die Riege der Schauspieler und ein geniales Drehbuch, das Andò (zusammen mit Angelo Pasquin) auf der Basis seines preisgekrönten Romans „Il trono vuoto“ geschrieben hat, machen „Viva la libertà’“ zu einem brillanten, unaufgeregten Lehrstück über die Demokratie, die ins Wanken, ja in Gefahr geraten ist. Ach, hätte man doch über Berlusconi je so lachen können!

 

Text: Heidi Reutter / Fotos: © Arsenal
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Viva la libertà
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Arsenal
Laufzeit: 96 Min.