Schnapp’ Dir das Miststück!

„Mein Name ist geschlechtsneutral.“ Das betont der langweilige Finanz-Buchhalter Sandy Bigelow Patterson (Jason Bateman) aus Denver in Seth Gordons US-Komödie „Voll abgezockt“ immer wieder. Der Identitätsdiebin Diana aus dem tausende von Meilen entfernten Florida, die ihm am Telefon seine Sozialversicherungsnummer abgeluchst hat, kommt das zupass. Sie interessieren solche Feinheiten nicht – so wie sie sich auch nicht um gesellschaftliche Regeln und Normen schert. Gespielt wird sie von der höchst beeindruckenden Melissa McCarthy, die für ihre Rolle der derben Brautjungfer Megan in „Brautalarm“ (2011) einen Emmy bekam und für den Oscar nominiert wurde.

Diana (Melissa McCarthy) lässt es krachen - auf Kosten des ahnungslosen Sandy.

 

Zurzeit lebt die dicke, asoziale und wahrlich hemmungslose Diana unter Sandys Namen in Saus und Braus, besucht Schönheitssalons, räumt Konsumtempel leer, betreibt zwielichtige Geschäfte mit Drogenbaronen und kauft sich für ein paar Stunden Freunde, indem sie in einer Bar eine Runde nach der anderen schmeißt. Bezahlt wird natürlich mit Sandys gefälschter Kreditkarte …

Schon bald werden dem Bilderbuch-Familienvater sämtliche Konten gesperrt, die Polizei verhaftet ihn kurzzeitig, und er steht kurz davor, seinen neuen, gut bezahlten Job zu verlieren. Ihm bleibt genau eine Woche Zeit, in den „schlimmsten Ort in ganz Amerika“ zu fahren, das dicke Luder einzusacken und mit ihrer Hilfe in Denver sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. „Schnapp’ Dir das Miststück!“ gibt ihm seine ansonsten brave, schwangere Frau Trish (Amanda Peet) noch mit auf den Weg.

Diana (Melissa McCarthy) versucht zu türmen. Sandy (Jason Bateman) räumt ihr keine großen Chancen ein.

 

Wer bis hierher im Kinosessel kleben geblieben ist, weil er von dem brachialen und anarchistischen Grundton der Komödie und vor allem von der draufgängerisch aufspielenden McCarthy restlos begeistert ist – der zurückhaltende Bateman gibt für sie übrigens den idealen Widerpart -, der wird auch während des nun einsetzenden Road-Movies nicht enttäuscht. Das ist höchstens ein wenig zu lang geraten.

Bei ihrem ersten Treffen schlägt Diana Sandy brutal auf den Kehlkopf, wenig später zerdeppert er eine Gitarre auf ihrem Schädel, es folgen diverse Autokarambolagen, „megakranke Sexszenen“ (Zitat „Big Chuck“ (Eric Stonestreet), der mit Diana und Sandy eine Nacht in einem Motelzimmer verbringt), Schlangenattacken, und zu alledem wird das Duo auch noch von einem Gangsterpärchen und einem „Endzeittypen“ (Robert Patrick) verfolgt.

Die sonst kreuzbrave Trish (Amanda Peet) steht voll hinter Sandy (Jason Bateman).

 

Am unglaublichsten sind jedoch immer wieder die niederträchtigen Manipulationsmethoden der egoistischen Identitätsdiebin: Einen der schauspielerischen Höhepunkte bildet hierbei eine Restaurantszene, in der Diana der Kellnerin unter Tränen weismacht, ihr impotenter Mann Sandy sei Schuld an ihrem Fresswahn. So bringt sie die empörte Serviererin äußerst geschickt dazu, ein paar Rippchen springen zu lassen …

Doch immer wieder beweist McCarthy – die übrigens gerade auch in der Komödie „Immer Ärger mit 40“ zu bewundern ist -, dass sie auch die Klaviatur der zarten, wahrhaften Töne beherrscht. Wenn diese üppige Leinwandpracht gegen Ende des Films in einer bewegenden Szene Sandy von ihrem Schicksal erzählt, ist man zwar kurzzeitig irritiert, weil von jeher Komödie und Drama nicht wirklich gut zusammen funktionieren. McCarthy meistert diesen Switch jedoch so bravourös, dass man sich nur eines wünscht: Sie in noch ganz vielen unterschiedlichen Rollen zu erleben.

Text: Gabriele Summen / Fotos: Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Identity Thief
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 111 Min.