So geht Wacken

„Wacken 3D“ setzt dem größten Metalfestival ein Denkmal. Seit 25 Jahren passiert dem schleswig-holsteinischen Ort mit weniger als 2.000 Einwohnern das Wacken Open Air. Die nicht immer langhaarigen und auch nicht nur männlichen Headbanger sind in der Dokumentation genauso wichtig wie die Musiker, die den Spirit des Festivals erklären und die Rahmenhandlung bilden. Noch nie näherte sich jemand dem Thema Metal so respektvoll und unaufgeregt wie Norbert Heitker in seinem 3D-Projekt, das natürlich für die große Masse gemacht ist. Dennoch darf man begeistert reagieren.

Was man über Wacken sagt? Bestes Festival, miesestes Wetter. Mit Regen sollte gerechnet werden.

 

Es ist das erste große Kinofilmprojekt, das Tomas Erhart mit seiner Produktionsfirma stemmte. „Hätte ich gewusst, was für eine Sisyphosarbeit auf mich zukommt, hätte ich mich glaube ich nicht getraut“, sagt der Produzent, für den „Wacken 3D“ drei Jahre Arbeit bedeutete. Doch er wusste nicht, an wie vielen Stellen man scheitern kann, kannte weder die Fallstricke hinsichtlich versteckter Kosten noch die logistischen Probleme, die so eine 3D-Idee mit sich bringt. Dass Motörhead beim letztjährigen Festival, auf dem vorrangig gefilmt wurde, ihr Konzert abbrachen, war sicher ein weiterer Crash Test für die Nerven der Beteiligten. Doch Lemmy Kilmister ist drin im Film, mit den schönsten Bildern, die man lange Zeit von ihm gesehen hat und vielleicht mit den letzten guten.

 

„Wacken 3D“ sollte aber keine Ode an Musiker werden, sondern auch die zeigen, die alle Jahre wieder ihr Ticket kaufen, bevor sie wissen, wer spielt. Nicht, um Frühbucherrabatt zu erhalten, nein, die Leute wollen da hin und wollen sich das nicht nehmen lassen. Sie buchen ihren Wacken-Urlaub wie eine Generation früher ihren jährlichen Kanarenaufenthalt.

Die beiden großen Bühnen werden am Abend im Wechsel bespielt, um Umbaupausen zwischen den Bands zu vermeiden.

 

Was an diesen Tagen so besonders ist, erfährt man aus den Statements einiger Festivalbesucher, die immer wieder vor der Kamera auftauchen. Wenn Cielu Wang, eine junge Frau aus Taiwan, in der ersten Reihe zwischen zwei großen männlichen Oberkörpern verschwindet, ist das ein Bild für die Ewigkeit. Es wirkt friedlich. Zu den Lieblingsbildern gibt es noch ein paar Worte für die Ewigkeit, schließlich erzählen Ex-Black-Flag-Sänger Henry Rollins und Anthrax-Gitarrist Scott Ian über ihr Leben und das Festival. Und die beiden können reden.

 

Es ist Norbert Heitker wichtig, den Zuschauer nicht zu verschrecken. Das merkt man zunächst an der Musikauswahl. Nicht immer schleudert er dem Publikum Hochgeschwindigkeits-Death-Metal um die Ohren. Das wäre dumm, denn er will dokumentieren, Leute für das Phänomen interessieren. Deswegen dosiert er. Den Metal, die Musik, die Menschen. Mit den eigenen Ressourcen ging er weniger zaghaft um, schulterte die 30-Kilo-Kamera, dirigierte 140 Mitarbeiter, kümmerte sich nach den täglichen 15 Stunden Dreh um die Aufnahmen. Und der eigentliche Spaß kam erst danach. Dann durfte er 400 Stunden Material sichten.

Anthrax-Gitarrist Ian Scott erzählt backstage, was ihm Wacken bedeutet. Hier ist er auf der Bühne und vergleicht sich mit Brad Pitt. Scott ist beste Unterhaltung!

 

Er entschied sich für ein chronologisches Konzept und erhielt positives Feedback. Bei einer Testvorführung fragte er einen Metal-Fan, wem er diesen Film zeigen würde und der antwortete: „Meiner Mutter“. Da fühlte sich Heitker, der schon für Rammstein und vor allem viel für die Ärzte arbeitete, auf dem richtigen Weg.

 

Denn natürlich will „Wacken 3D“ nicht die stattgefundenen Bands dokumentieren, sondern erklären, wie sich W:O:A anfühlt. Und das tut der Festivalfilm, bei dem 3D Sinn macht. Abgesehen von einem Vorspann, für den ein Preis verliehen werden sollte, zeigt er auch das schönste Lächeln einer Rockikone, und lässt es so stehen. Viel besser geht es nicht.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © NFP / Wüste Film / Jumpseat / Nicole Malonnek
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6
Verleih: NFP
Laufzeit: 90 Min.