Gut meinen reicht nicht

Als Meister der langen Erzählung kennt Nuri Bilge Ceylan in seinem neuesten Werk keine Eile. „Winterschlaf“ handelt von türkischen Intellektuellen, die sich in der Abgeschiedenheit eines hübschen Höhlenhotels in Kappadokien darüber unterhalten, was man tun müsste, könnte oder sollte. Aktionen bleiben größtenteils aus. Bilges Kunst und die seiner Schauspieler besteht darin, dass das drei Stunden und 16 Minuten lange Werk nie langweilt. Das sah die Jury bei den letzten Filmfestspielen in Cannes auch so und verlieh dem Film den Hauptpreis, die Goldene Palme. Mit diesen Vorschusslorbeeren geht das Drama für die Türkei ins Rennen um den Auslandsoscar.

Aydin (Haluk Bilginer) interessiert sich mehr für intellektuelle Fragen als die Menschen.

 

Was wäre, wenn man dem Bösen nichts entgegensetzen würde und es so lange gewähren ließe, bis es von selbst abließe? Das sind die Gedankenspiele, die der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan in seinem dialogstarken Film „Winterschlaf“ vor der Kulisse einer archaisch rauen Bergwelt inszeniert. Draußen herrscht klirrende Kälte, drinnen Eiszeit in den meisten Herzen. Wie sich der Hotelbesitzer und ehemalige Theaterschauspieler Aydin (Haluk Bilginer), seine entfremdete junge Frau Nihal (Melisa Sözen) und seine mürrische Schwester Necla (Demet Akbag) verbal auseinandersetzen, sorgt für ein spannendes Drama.

 

Als Moralist interessiert sich Nuri Bilge Ceylan für die universellen Fragen wie die menschlichen Stärken und Schwächen im Zusammenleben. Dabei schaut er sich bei denen um, die er kennt, die ihn umgeben. Seiner Beobachtung nach befinden sich die türkischen Gelehrten, besonders die Schauspieler, die ihr Leben mehr mit Shakespeare als mit echten Menschen verbracht haben, in einer Art Winterschlaf. Ein solcher Typ Mann ist Aydin, dessen Name übersetzt Intellektueller bedeutet. Er widmet sich dem Schreiben der Geschichte des türkischen Theaters und Kolumnen in der Lokalzeitung, in denen er den erklärt, dass Armut und Schönheit im Leben miteinander vereinbar sind. Soziale Ungerechtigkeit verhandelt er auf einer Ebene, die ihn und seine eigenen Interessen unangetastet lässt: der theoretischen.

Nihal (Melisa Sözen) ist mit Aydin (Haluk Bilginer) schon lang nicht mehr glücklich.

 

Aydin fühlt sich wie ein König in seinem kleinen Reich, in dem er den Patriarchen allzu gerne spielt. So werden alle Personen im Film auch zu ihm in Bezug gesetzt. Die unangenehme Arbeit wie die Verwaltung seiner Mietshäuser im Dorf überlässt er seinem Hausmeister Hidayet (Ayberk Pekcan). Bricht die Außenwelt mit ihren Problemen doch einmal in Aydins selbstgefällige Welt herein, zeigen sich hinter dem Gerede seine Unfähigkeit zu Mitleid, Anteilnahme und Liebe. Mit welcher Verachtung er einen Bittsteller empfängt, bereitet Unbehagen. Umso größer bleibt die Neugier auf die vielen Seiten dieses irgendwie auch charmanten Ekels. Doch immer wenn wieder etwas Sympathie für ihn aufgebaut wurde, weiß Bilge diese sogleich zu zerstören.

 

Ob am Beispiel von Aydins Ehefrau, die sich mit einem Wohltätigkeitsprojekt etwas eigens aufzubauen versucht, oder dem einer Schuldnerfamilie, deren Sohn lieber eine Ohnmacht simuliert, statt die Hand des Vermieters zu küssen – der Regisseur legt immer wieder neue Schichten an seinen Figuren frei. Dabei demonstriert er, dass keiner, ob arm oder reich, letztlich aus seiner Haut heraus kann. So entsteht ein absolut sehenswertes Kammerspiel um verschiedene Lebensentwürfe und die verderbliche Macht des Geldes, die vor niemand haltmacht. Eine der Lektionen dabei: Gut gemeint reicht eben nicht.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Weltkino / Nuri Bilge Ceylan
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Mit der Goldenen Palme von Cannes im Gepäck gilt "Winterschlaf" als sicherer Kandidat für eine Oscarnominierung in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film".

 

 
 
 
Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Kis Uykusu
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Weltkino
Laufzeit: 196 Min.