Mutterseelenallein

„Hans wach’ auf, Mutti ist tot.“ So weckt der neunjährige Fritz in Rick Ostermanns Debütfilm „Wolfskinder“ seinen 14-jährigen Bruder 1946 irgendwo im nördlichen Ostpreußen. Wenig später begeben sich auch diese beiden von Hunger und Not gezeichneten Vollwaisen auf eine erbarmungslose Odyssee nach Litauen: Die Bevölkerung dort tritt deutschen Kindern noch freundlich und hilfsbereit gegenüber. Tatsächlich ist es bis heute weitgehend unbekannt, dass schätzungsweise 25.000 eltern- und heimatlose Kinder ziellos durch das Land irrten, nachdem die Rote Armee Ostpreußen besetzt hatte – nur wenige hundert von diesen sogenannten „Wolfskindern“ haben überlebt.

Wird Hans (Levin Liam) seinen kleinen Bruder, der alles ist, was ihm noch geblieben ist, wiederfinden?

 

Rick Ostermann, der bereits bei Lars Kraumes existenziellen Dramen „Meine Schwestern“ und „Die kommenden Tage“ als Regieassistent tätig war, versucht dieser entwurzelten Generation, deren Überlebende auch bis heute wenig Unterstützung durch die Regierung erfahren haben, eine Stimme zu verleihen. Aufgrund seines eigenen familiären Hintergrundes richtet er sein Augenmerk auf den traumatischen Identitätsverlust dieser Kinder. Um sich vor der Besatzungsmacht zu schützen, mussten die kleinen Kriegsopfer ihren Namen ändern und ihre Identität aufgeben. Viele von ihnen wurden von litauischen Familien aufgenommen und leben noch heute dort.

Die 14-jährige Christel (Helena Phil, links) und Hans (Levin Liam, rechts) kümmern sich so gut es geht um das noch jüngere Geschwisterpaar Karl (Willow Voges-Fernandes) und Asta (Vivien Ciskowska).

 

Kaum haben sich Hans (herausragend gespielt von Filmdebütant Levin Liam) und Fritzchen (Patrick Lorenczat) auf den Weg zu Bekannten der verstorbenen Mutter nach Litauen gemacht, werden sie auch schon von verrohten Soldaten getrennt, die aus Spaß Jagd auf deutsche Kinder machen. Hans, der das Familienamulett als letzten Anker unter seiner zerrissenen Kleidung verbirgt, schließt sich einer Gruppe elternloser Kinder an. Schon bald nimmt der Zuschauer die Perspektive des verschlossenen, schwer traumatisierten Jungen ein. Er ist ein Tier- und Naturliebhaber ist, auch wenn seine Lage ihn dazu zwingt, rohe Hühner zu verspeisen und bei der Tötung eines Hundes zuzuschauen.

Hans (Levin Liam) tröstet den schwer traumatisierten Paul (Til-Niklas Theinert), der nicht einmal Schuhe besitzt.

 

Die Natur, die Kamerafrau Leah Striker in nahegehenden Cinemascope-Bilder eingefangen hat, bietet den Kindern wenige kurze Momente der Sorglosigkeit, etwa wenn sie in einem kleinen See baden. Doch erbarmungslos holt sie zumeist die menschengemachte, furchterregende Realität ein: Am Bootssteg warten schon wieder undurchsichtige litauische Partisanen auf sie, die wenig später versuchen werden, sich an der 14-Jährigen Christel (Helena Phil) zu vergehen. Das hübsche Mädchen schneidet nach diesem erneuten traumatischen Erlebnis wortlos ihre langen Haare ab. Geredet wird in diesem Drama, das auf einer tiefen, archaischen Ebene schockiert, ohnehin kaum.

Christel (Helena Phil, links) weiß, dass es gefährlich ist auf den Wegen zu gehen - der kleine Karl (Willow Voges-Fernandes) kann jedoch mit seinem verletzten Fuß nicht mehr besonders gut gehen.

 

Ostermann gelingt mit seinem Antikriegsdrama ohne viel Worte und Handlung das Bravourstück, die filmische Wirklichkeit der „Wolfskinder“ nicht als deutsche Opfergeschichte zu erzählen, sondern als Parabel auf alle mutterseelenallein um ihr nacktes Überleben kämpfenden Kinder dieser Welt. Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Films wurde Ostermann dafür mit dem nationalen Nachwuchspreis ausgezeichnet.

 

Text: Gabriele Summen / Fotos: © Port au Prince Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Port-au-Prince
Laufzeit: 93 Min.