Kümmerliche Hybris

Die Dialoge sitzen besser als die Anzüge, die Handlung zieht sich wie selbstverständlich durch. Drei Gründe sind: Devid Striesow spielt Psychos jeder Couleur mit nie versiegender Euphorie und immer wieder präzise. Sebastian Blomberg knüpft an seine Arschloch-Qualitäten aus „Was tun, wenn’s brennt“ (2001) an, und Katharina Schüttler wurde schon so oft ausgezeichnet, dass es heute nicht mehr verwundert, dass sie so facettenreich spielt.

Mit ihnen wird „Zeit der Kannibalen“ zu einem sehr realistischen Kammerspiel über Unternehmensberater, das seinem lauten Titel gerecht werden kann. Dies gelingt in jeder Hinsicht und auf erschreckende Weise so gut, dass das satirische Jetztzeit-Drama bei der Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ uraufgeführt wurde.

Freund und Feind: Die Rollen wechseln schnell bei Öllers (Devid Striesow) und seiner neuen Kollegin Bianca (Katharina Schüttler).

 

Öllers (Striesow) und Niederländer (Blomberg) nennt man am besten gleich beim Nachnamen. Die beiden Unternehmensberater sind seit sechs Jahren ein Team und erledigen in einem bemerkenswerten Englisch die Drecksarbeit an der Front. Wobei Front ein wenig überzogen klingt. Sie sind in Ländern der Dritten Welt unterwegs, allerdings residieren sie in Luxushotels, gewinnen Meetings, fahren Deals ein.

Schikanieren ist das Hobby von Niederländer (Sebastian Blomberg, vorne). Eigentlich sollte er Niederträchtig heißen.

 

Sie sind bitterböse, manchmal auch widerlich – privat wie geschäftlich. Aber noch immer sind sie nicht zu Teilhabern geworden in ihrem Unternehmen. Schlimmer noch, ein anderer Kollege wurde hochgehievt, was bedeutet, sie beide könnten auf den Prüfstein gelegt werden. Wer nicht oben ankommt, könnte hinabgestoßen werden. Und jetzt setzen sie ihnen auch noch eine Frau (Schüttler) mit ins Boot. Die scheint mithalten zu können mit ihnen, nur kann sie die beiden Neurotiker nicht leiden. Ob das den beiden Herren bekommt und wie es überhaupt weitergeht, zeigt die spannende Montage von Max-Ophüls-Preisträger Johannes Naber.

Worauf sich Öllers (Devid Striesow) Interesse an anderen Ländern beschränkt, kann man anhand dieses Bildes erahnen.

 

Der hat in seine derben Mätzchen, denen sich Striesow natürlich beherzt widmet, nämlich durchaus realistische Wendungen und glaubwürdige Dialoge eingearbeitet. Auch hat Striesows Öllers nicht nur einen Charakterzug, er wechselt zwischen all seinen ambivalenten Regungen, menschelt unter dem miesen Äußeren in der einen oder anderen Sekunde. Aber Johannes Naber geht es nicht um Sympathien. Er entwirft Chraraktere, die im Zusammenspiel eine Mischung ergeben, die man sehen will.

So richtig nach Plan läuft es nicht mehr bei Öllers (Devid Striesow, rechts) und seinen Kollegen Bianca (Katharina Schüttler) und Niederländer (Sebastian Blomberg). Alkohol hilft, vielleicht.

 

Er konstruiert und schiebt alle wie auf einem Schachbrett hin und her und doch wirkt es nie wie das Experiment eines Regisseurs. Obwohl er davon spricht, den Weg zu beleuchten von der Hybris hinab zum Schafott der Kümmerlichkeit. Was bleibt, ist die Hilflosigkeit der Verführten, nachdem das Verführende das Interesse an ihnen verloren hat. Und dann überlegt sich Naber ein Ende, das so nicht sein muss. Doch wenn der Film aus ist, wenn er einen brillanten Schlusspunkt setzt, ist klar: Nur so und nicht anders sollte so ein Film sein. Interessant ist, dass die gesamte Produktion im Studio gedreht ist, die Kulissen vor den Fenstern der Hotelzimmer sind nur Kartons mit ein bisschen Bühnennebel.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Farbfilm / Pascal Schmit
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Zeit der Kannibalen
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 97 Min.