Die digitale Revolution frisst ihre Kinderschuhe

Unaufhaltsam prägen digitale Medien und soziale Netzwerke unser Leben. Internet, Smartphones, Tablets – in den vergangenen Jahren erlebten wir etwas, das manche als Digitale Revolution bezeichnen. Im altehrwürdigen Filmgeschäft jedoch fand diese enorme, doch schleichende Umwälzung fast nur in ihren bizarren Ausprägungen Niederschlag: Ob High-Tech-Gaunerfilm, Smartphone-Horror, Computernerd-Thriller oder Sci-Fi-Cop-Action – bislang war moderne Kommunikation für Hollywood und Co. meist nur Gimmick oder Außenseiterkram. Erst in letzter Zeit näherten sich Filmemacher auch dem Alltag zwischen Smartphone und Supermarkt, Facebook und Fußball. In seiner neuen Tragikomödie „#Zeitgeist“ liefert „Juno“-Regisseur Jason Reitman nun den ersten Film, der die tagtäglichen Dramen inmitten der digitalen Revolution angemessen beleuchtet.

eder an seinem Tablet: Auch im Bett haben sich Helen (Rosemarie DeWitt) und Dan (Adam Sandler) nicht mehr allzu viel zu sagen.

 

Im englischen Original heißt „#Zeitgeist“ schön passend „Men, Women & Children“ – denn es geht Jason Reitmans charmantem wie schwermütigem Digital-Welt-Drama mitnichten um markttaugliche Hippness mit Hashtag-Zeichen. Sondern um das Drama des Alltags in der Postmoderne. Konsequent also, auch eine postmoderne Form zu wählen.

 

Was Filme zuvor schon am Rande einbauten, wird in „#Zeitgeist“ zur Forschungsfrage, zur Versuchsanordnung: Was passiert, wenn wir einen Teil unserer sichtbaren Welt, der die meisten Menschen der westlichen Hemisphäre täglich begleitet, auch auf der Leinwand sichtbar machen? Was also geschähe, wenn wir all die SMS, WhatsApp-Nachrichten und aufgerufenen Internetseiten tatsächlich als Teil der Handlung mitverfolgen könnten, anstatt nur vor dem Bildschirm gebeugte Charaktere beim Über-den-Bildschirm-Beugen zu beobachten?

Brandy (Kaitlyn Dever) und Tim (Ansel Elgort) mögen sich sehr. Es fällt ihnen nur schwer, sich das auch zu zeigen.

 

Denn Alltag im und durch das Netz, das heißt auch: einen lakonischen, propper-bärtigen Adam Sandler als frustrierten Familienvater Don bei der Suche nach geeignetem Masturbationsmaterial auf dem Computer seines Internetpornosüchtigen 15-jährigen Sohnes Chris (Travis Tope) zu begleiten. Oder Dons nicht minder unzufriedene Ehefrau Helen (die tolle Rosemarie DeWitt) bei ihrem zögerlichen Versuch zu beobachten, sich online nach Alternativen zum nicht stattfindenden Sexleben des Paares umzuschauen.

 

Helen wird fündig, ist aber im Grunde genauso emotional zugerichtet wie die hyperparanoide Patricia (Jennifer Garner), die den Online- und Handyaktivitäten ihrer Tochter Brandy (Kaitlyn Dever) auf Schritt und Tritt folgt, diese aufzeichnet und auch löscht, sobald sie die pubertierende Jugendliche durch Jungs in Gefahr sieht. Dabei will Brandy doch nur mit Tim (Ansel Elgort) abhängen, dem ehemaligen Footballcrack, der dem Sport aber den Rücken gekehrt hat, nur noch Online-Rollenspiele zockt und keine Freunde mehr besitzt, dafür jede Menge Quests am PC gelöst hat.

Die gelangweilte Helen (Rosemarie DeWitt) sucht im Internet nach sexueller Abwechslung.

 

Dann wären da noch die Magersüchtige, die im Magersüchtigenblog Tipps zu Dünnerwerden findet, oder die ruhmessüchtige Mutter, die ihre Tochter per semipornographischer Fotowebsite zur Model- und Medienkarriere verhelfen will. All diese schrägen, zerstörten und doch so schmerzhaft bekannten und alltäglichen Charaktere, in „#Zeitgeist“ fast ausnahmslos wunderbar besetzt, sind laufend miteinander vernetzt, jede Sekunde ploppen Nachrichten und Websites auf, jeder scheint immerzu auf die Geräte zu starren.

 

Das klingt zunächst nach jeder Menge althergebrachtem Kulturpessimismus und Technikphobie. Reitmans berührendes Werk ist aber das genaue Gegenteil: Es integriert die digitale Welt mit ihren eigenen interaktiven Mitteln als Bestandteil der „realen“ in ein charmantes, humorvolles, emotionales und trauriges Szenario. Eben genau so, wie der Blick aus dem Auto oder die Abbildung von Fernsehbildern schon seit Jahrzehnten normaler Bestandteil der allermeisten Hollywoodschinken ist. Das gelingt in „#Zeitgeist“, ohne dass der Plot Schaden nähme – der Einblick in die Dialog- und Gefühlswelt der Protagonisten abseits ihrer Mimik und Worte bereichert das sensibel inszenierte Drama mit einer großen Portion Empathie. Nämlich für all jene Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder, deren Lebensmittelpunkt ein Screen ist und jene, die sich davor fürchten.

Patricia (Jennifer Garner, rechts) kontrolliert die Internetbesuche ihrer Tochter Brandy (Kaitlyn Dever) beinahe minütlich.

 

Dass die Gesellschaft noch immer dieselbe, für den Einzelnen ungünstig eingerichtete ist, daran tragen die Bildschirme keine Schuld: Die Form ändert sich, die Inhalte aber kaum. Was für viele eine Erlösung aus alten Strukturen ist, scheint für andere schwer auszuhalten. Und hier trifft der deutsche Untertitel von „#Zeitgeist“ auf einmal voll ins Schwarze, er lautet: „Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © 2014 Paramount Pictures / Dale Robinette
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Alle starren auf die Bildschirme, doch sonst bleibt alles beim alten: "#Zeitgeist" transportiert den digitalen Alltag mit all seinen Problemen in ein grandios besetztes Drama.

 

 
 
 
Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Men, Women & Children
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Paramount
Laufzeit: 120 Min.