Zwischen Stasi- und Nazi-Vergangenheit

Als vor kurzem die Nominierung für den deutschen Oscar-Anwärter bekannt gegeben wurde, war das Rätselraten groß. Der von der Jury hochgelobte Spielfilm „Zwei Leben“, eine deutsch-norwegische Koproduktion, kommt schließlich erst jetzt ins Kino und war zuvor nur bei wenigen Festivals zu sehen. Es geht um ein so genanntes Lebensborn-Kind, ein norwegisches Heimkind, das von einem deutschen Soldaten und einer norwegischen Mutter stammt, kurz vor Kriegsende dann von den Nazis nach Deutschland verschleppt wurde und dort ins ostdeutsche Waisenhaus kam. Nach einem Fluchtversuch aus der späteren DDR wird die nun Erwachsene mit einer neuen Identität versehen und als „Katrine Evensen“ ihrer angeblichen früheren Familie zugeführt.

Katrine Evensen (Juliane Köhler), die in Norwegen ein glückliches Familienleben führt, muss ihre Enttarnung als Ex-Spionin befürchten. Nun tut sie alles, um das zu verhindern.

 

Der Film nach einer Romanvorlage von Hannelore Hippe („Eiszeiten“) umgreift mehrere Orte und Zeiten. Katrine Evensen, die von Juliane Köhler gespielte Hauptfigur, hat zunächst unter den Nazis, dann unter den Machenschaften der Stasi zu leiden. Ein smarter Anwalt, den Ken Duken vortrefflich spielt, ist auf der Suche nach Zeugen für das Unrecht, das einst norwegischen Müttern und ihren mit deutschen Soldaten gezeugten Kindern widerfuhr. Tausende wurden bekanntlich zunächst in norwegische, dann in deutsche SS-„Lebensborn“-Heime verbracht und ihren Müttern für immer entrissen. Zudem lehnte der norwegische Staat die Kinder nach Kriegsende ab.

Mitte der 60er-Jahre aber kam die Staatssicherheit der DDR auf die Idee, nun erwachsen gewordene Heimkinder unter falscher Identität bei „ihren“ norwegischen Familien einzuschleusen und ihren angeblich wahren Müttern zuzuführen. Sie wurden als Spione eingesetzt, als Schläfer zumeist, die auf ihre fälligen Aufgaben im Kalten Krieg zu warten hatten.

Friedvolles Zusammensein am Familientisch: Katrine Evensen (Juliane Köhler, rechts, halb verdeckt) spricht mit ihrem Mann (Sven Nordin, links) und ihrer Mutter Ase Evensen (Liv Ullmann) über den Fall, den Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) vor Gericht bringen will.

 

Katrine Evensen ist eines dieser Lebensborn-Kinder, längst lebt sie scheinbar unbeschwert mit ihrer Familie, die Fotografin liebt Mutter (Liv Ullmann), Mann (Sven Nordin) und Kind (Julia Bache-Wiig). Doch der gut meinende Anwalt, der Katrines Fall mit anderen vor den Europäischen Gerichtshof bringen will, könnte ihre Vergangenheit ans Licht bringen. Katrine handelt schnell und offensichtlich auch so präzise wie es sich für eine Ex-Spionin geziemt. In Deutschland vernichtet sie Stasiakten, dringt in geheime Archive ein und bereitet eine ehemalige Heimmitarbeiterin auf die Befragungen vor. Mit ihrem Verbindungsmann namens „Hugo“ (Rainer Bock) gibt es heimliche, bedrohlich wirkende Treffen. Ihr Outing könnte schließlich eine Kette von Entdeckungen nach sich ziehen.

Beinahe naturgemäß greift der Film immer wieder auf Rückblenden und Inserts wie Zeit- und Ortsangaben zurück, die den Fluss der Handlung nicht selten beeinträchtigen. Ohnedies scheint die zeitgeschichtliche Einbettung eher ein Fall für Dokumentationen zum Thema zu sein. Dass Katrine Evensen mit einer Lebenslüge in ihrer norwegischen Familie leben muss, ist schon tragisch genug. Doch zu allem kommt noch eine schwerwiegende Schuld hinzu, in die sie die Stasi treibt. Immer wieder blendet der Regisseur Georg Maas mit wackeliger Handkamera und Unschärfen eine Gewalttat ein, die letztlich für die Schuld der Katrine Evensen steht.

Der ehemalige Bergmann-Star Liv Ullmann ist in "Zwei Leben" eine Mutter, die zweifach um ihr Kind betrogen wird, aber am Ende verzeiht.

 

Trotz seiner zeitgeschichtlichen Verortung wirkt „Zwei Leben“ lange wie ein Wallander-Krimi, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Die Wahrheit kommt auch hier nach verschiedenen Häutungen ans Licht. Auch die Stilmittel, der lapidare Tonfall (Synchronisation), die Realismus erzeugende Handkamera und der skandinavische Schauplatz erinnern an die Verfilmungen der Romane Mankells. Alleine das Mutter-Tochter-Drama zwischen der einstigen Bergmann-Schauspielerin Liv Ullmann und der geheimnisvoll introvertierten Juliane Köhler hebt „Zwei Leben“ über den Durchschnitt hinaus. Liv Ullmann muss als zweifache durch Staatsmachenschaften betrogene Mutter der Tochter zuletzt verzeihen – und hat doch längst verstanden, dass deren Schuld in anderen Händen liegt. Stasi, Nazis und Lebensborn sind da plötzlich ganz weit. Zum Glück …

Text: Wilfried Geldner / Fotos: 2012 farbfilm / Tom Trambow
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Laufzeit: 99 Min.