Geld oder Solidarität

Jean-Pierre und Luc Dardenne sind immer wieder für eine Überraschung gut. Nachdem sie jahrelang mit Laiendarstellern arbeiteten, engagierten sie 2011 für „Der Junge mit dem Fahrrad“ seit Langem mal wieder ein bekanntes Gesicht: Cécile de France spielte die weibliche Hauptrolle in dem Drama, das bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde. Für ihr Sozialdrama „Zwei Tage, eine Nacht“ gaben sie die Hauptrolle nun der Französin Marion Cotillard: Oscargewinnerin („La vie en rose“), Dior-Gesicht und eine der gefragtesten nicht amerikanischen Schauspielerinnen in Hollywood („Inception“, „The Dark Knight Rises“). Wieder eine Wahl, die sich auszahlen sollte.

Sandra (Marion Cotillard) weiß nicht, welche Reaktion sie hinter der nächsten Tür erwartet.

 

Dieses Mal stellen die belgischen Brüder die Frage nach der Solidarität. Dazu bringen sie die Arbeitskollegen ihrer Hauptfigur Sandra (Marion Cotillard) in eine extreme Situation: Sie müssen sich zwischen einem Bonus von jeweils 1.000 Euro oder dem Erhalt von Sandras Arbeitsplatz entscheiden. Mit Sandra trifft es eine der Schwächsten. Die zweifache Mutter hat ihre Depressionen gerade überwunden und ist zurückgekehrt in den Alltag. Die sich anbahnende Kündigung wirft sie emotional so aus der Bahn, dass sie selbst zur keiner Gegenwehr fähig scheint. Ihre Freundin Mireille (Myriem Akheddiou) erreicht jedoch bei ihrem Chef am späten Freitagnachmittag, dass nach dem Wochenende abgestimmt wird. Sandra hat also zwei Tage und eine Nacht Zeit, eine Mehrheit ihrer 16 Kollegen davon zu überzeugen, auf den Bonus zu verzichten.

Manu (Fabrizio Rongione) motiviert Sandra (Marion Cotillard) immer wieder weiterzumachen.

 

Sandra fällt zunächst in ein tiefes Loch und bekämpft ihre Angst vor der Zukunft mit dem Medikament Xanax. Doch sie ist nicht allein. Ihr Mann Manu (Fabrizio Rongione) und ihre Freunde motivieren sie zu einer Tour von Haustür zu Haustür – ein dramaturgisch perfekter Schachzug der Dardennes. Man leidet mit Sandra, wenn sie sich den Wohnungen und Häusern nähert. Ihre Nervosität und Aufregung sorgen auch beim Zuschauer für ein unbehagliches Gefühl und bringen Spannung, auch wenn auf der Leinwand wenig passiert.

Ein Kollege sagt Sandra (Marion Cotillard) seine Unterstützung zu.

 

Zusammen mit Sandra erkundet der Zuschauer die Verhältnisse der belgischen unteren Mittelschicht, deren Sorgen die Regisseure bestens zu kennen scheinen. Da gibt es eigene finanzielle Verpflichtungen, die Angst davor, als nicht-konformer Mitarbeiter auf die Abschussliste zu kommen oder die klare Ansage, dass man zuerst an sich selbst denken müsse. Überraschende positive Gespräche motivieren die labile Sandra hingegen zum Weitermachen, egal, wie schlecht ihre Chancen auch stehen. Als Zuschauer ist man ganz bei ihr, tief berührt von der Überzeugungsarbeit, die sie mit Scheu, ohne starke Argumente, aber auch ohne zu betteln meistert.

Die Stelle von Sandra (Marion Cotillard) hängt von der Entscheidung ihrer Kollegen ab.

 

Der Film zeigt die Vielschichtigkeit menschlichen Verhaltens. Die Regisseure verstehen sich dabei als neutrale Beobachter der Umstände und urteilen nicht. Die Welt zeigt sich bei ihnen immer von vielen Seiten. Und zur Sommerzeit sieht Belgien auch nicht ganz so trist aus wie in ihren früheren Filmen. Passend dazu trägt Marion Cotillard fast den ganzen Film über ein billiges leuchtendes Kaufhaus-Top. Minimalismus pur, der sich auch auf ihr Spiel überträgt und glamouröse Rollen vergessen macht. Es ist einfach sehenswert, wie die Autorenfilmer mit ihrem unprätentiösen, aber durchdachten Erzählstil, die Verunsicherung in Zeiten von Finanzkrisen und Zeitverträgen statt Festanstellungen im Kino ausloten.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Alamode Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Deux jours, une nuit
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Alamode
Laufzeit: 95 Min.