Beziehungsstatus: tragisch verwickelt

Schnell fliegen in „Le Passé – Das Vergangene“ die Fetzen. Apothekengehilfin Marie (Bérénice Bejo) will zur Arbeit eilen, da kippt Fouad (Elyes Aguis), der kleine Sohn ihres Lebensgefährten Samir (Tahar Rahim), zusammen mit ihrer etwas älterer Tochter Léa (Jeanne Jestin) mitten im Hausflur einen Farbeimer um. Wütend jagt Marie hinter Fouad durch den Garten her, bis der Junge zurück ins Haus rennt und sich im Kinderzimmer zu verbarrikadieren versucht. Ohrenbetäubend sind das Schreien, Flehen, Weinen. Es ist totaler Stress, wie ihn viele Alleinerziehende und Patchwork-Familien täglich durchmachen. Nicht immer dürften die Ursachen dafür so tragisch sein wie im neuen Drama von Asghar Farhadi, das gekonnt atemlos macht. Und wenn doch, wünscht man den Beteiligten zumindest einen ähnlichen Weg zur Wahrheit wie in diesem Film.

Bérénice Bejo wurde für ihre Darbietung in Cannes augezeichnet.

 

Was den kleinen Fouad so außer sich gebracht hat, ist die Ankunft von Ahmad (Ali Mosaffa), Maries iranischem Ehemann, der aber nicht der Vater ihrer Kinder ist. Nach Jahren räumlicher Trennung will sich die schwangere Marie endlich von ihm scheiden lassen, um mit Samir eine neue Ehe schließen zu können. Ahmad bedeutet in Samirs Augen Konkurrenz. Zwar sind Ahmad und Marie längst kein Paar mehr, aber Samir muss zulassen, dass Ahmad im Haus übernachtet. Man geht höflich miteinander um, obwohl Eifersucht und Ungesagtes die Atmosphäre vergiften. Mit großer Offenheit versucht Ahmad dennoch besser zu verstehen, was um ihn herum vorgeht. Samir ist keineswegs ein freier Mann, sondern hat eine depressive Frau, die nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus im Koma liegt. Wer trägt die Schuld daran? Und warum hasst Maries älteste Tochter, die Abiturientin Lucie (Pauline Burlet), ihren Stiefvater Samir so inständig?

Samir (Tahar Rahim) ist eifersüchtig.

 

Die konfliktgeladenen Szenen in Maries Küche beleuchtet eine Lampe, deren Schirm ein tanzendes Paar im Schattenriss zeigt. Harmonisch bewegte Zweisamkeit ist die Utopie, die sich partout nicht realisieren lassen will. Sind sie einmal zusammen im Bild zu sehen, wirken Mann und Frau sofort einander entfremdet oder gehen verbal aufeinander los. Leidtragende sind – selbstredend – die Kinder. Sie sind Opfer der Verstörung und Unreife Samirs, der Entwurzelung Ahmads – und des Trotzes, des Temperaments und der Unsicherheit Maries, deren facettenreiche Verkörperung Bérenice Bejo („The Artist“) in Cannes die Auszeichnung als beste Darstellerin bescherte.

Ahmad (Ali Mosaffa, links) und Samir (Tahar Rahim) rivalisieren um Marie (Bérénice Bejo).

 

Die Erwachsenen sind nicht zuletzt deshalb hilflos, weil niemand allein für das Unglück von Samirs Frau verantwortlich gemacht werden kann. Das zeigt der Film sehr klug, wenn er Schicht um Schicht die Wahrheit enthüllt. Bei seinem ersten Dreh in Frankreich scheint sich der iranische Regisseur Asghar Farhadi, für „Nader und Simin – Eine Trennung“ (2011) mit dem Auslandsoscar ausgezeichnet, nach einem Wort des großen gallischen Kollegen Jean Renoir gerichtet zu haben, wonach eben alle ihre Gründe für ihr Handeln haben, ohne eigentlich böse zu sein.

Ahmad (Ali Mosaffa) versteht sich gut mit Maries Tochter Léa (Jeanne Jestin) und bald auch mit Samirs Sohn Fouad (Elyes Aguis).

 

Probleme der Motivation erledigen sich dadurch nicht. Samirs Erklärung für seine Affäre mit Marie erscheint lachhaft. Und ist es glaubhaft, dass sich Ahmad trotz widersprüchlicher Gefühle für Marie als eine Art Familientherapeut betätigt, der das emotionale Chaos uneigennützig und mit sanfter, aber volltönender Stimme lichtet? Zu genau nachdenken kann man über „Le Passé – Das Vergangene“ nicht, den Film nachempfinden dafür aber umso besser.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: Camino Filmverleih

 

Originaltitel: Le passé
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Regie: Asghar Farhadi
Mit: Bérénice Bejo, Tahar Rahim, Ali Mosaffa u.a.
Verleih: Camino
Laufzeit: 125 Min.
Start: 30.1.2014