Kein Ort zum Leben

Es ist der Sommer 1992. Sommer in Rostock. Keine drei Jahre sind vergangen, seit sich das Leben in dieser Stadt und ihrem Vorort Lichtenhagen so sehr verändert hat, dass viele Leute weggezogen sind, dass fast alle Betriebe dichtgemacht haben, dass die meisten Jugendlichen ihre Lebensperspektive verloren haben. Oder sich gar um sie betrogen fühlen nach der Wende, von der sie soviel erwartet hatten. Ohne Job und Aufgabe hängen sie in ihrer verödeten Plattenbau-Wohnsiedlung herum, streifen ziellos durch die Gegend. Und harren der Nächte: Da machen sie Krawall. Gegen die ihrer Ansicht nach „aufgesetzte Ideologie“ von der Gleichheit aller Menschen. Gegen die Enttäuschung, die Leere, die Aussichtslosigkeit. Gegen alles. Gegen Ausländer, vor allem. Denn, so spinnen sie es sich zusammen und so reden ihnen ein paar Glatzköpfige immer wieder ein, die sind ja Schuld an ihrer Misere.

Joel Basman (vorne) spielt den kleinen Gangster Robbie, der sich an die Stärksten anzupassen versteht, in einer umwerfenden Charakterstudie.

 

In der Nacht des 24. August eskaliert der Frust, der bisher gerade bis kurz vor den Siedepunkt brodelte. Angeheizt von den Hasstiraden auf die angeblich Schuldigen ziehen mehrere hundert Jugendlichen zum so genannten Sonnenblumenhaus, in dem sich etwa 100 Menschen aus Vietnam befinden. Um ihnen Angst einzujagen, ihnen klar zu machen, dass jetzt wieder Deutsche Herr im Haus Deutschland sind. Und dass sie nicht länger „die Türken im eignen Land“ sein wollen. Die ersten Molotow-Cocktails fliegen. Das Haus brennt. Die 3000 Schaulustigen, die dem Mob und seinen Rädelsführern tatenlos zusahen, klatschen Beifall. Und lassen die Feuerwehr nicht durch.

Lien (Trang Le Hong) lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im sogenannten Sonnenblumenhaus, das von Vietnamesen bewohnt wird. Sie glaubt in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben.

 

Die Ereignisse sind als Brandnacht bzw. Pogrom von Rostock in die Geschichte eingegangen – und in de Weltöffentlichkeit, die diesen ungeheuerlichen Ausbruch fremdenfeindlicher Gewalt mit Entsetzen zur Kenntnis nahm. Nach den Krawallen schrieb der iranische Schriftsteller Baham Nirumand, dass für rund sechs Millionen in Deutschland lebende Ausländer spätestens jetzt klar sei, „dass ihr Leib und Leben in diesem Land nicht mehr gesichert sind“. Dieses Gefühl und die Frage, welches gesellschaftliche Klima zu den Ausschreitungen führte, hat Regisseur Burhan Qurbani dazu veranlasst, diesen Spielfilm zu drehen. Mit einem starken Schauspielerteam spürt er den Beweggründen nach, stellt er dar, wie der Nährboden für die damals in den neuen Bundesländern erstarkende rechte Szene bereitet wurde, wie das moralische, soziale und ideelle Vakuum der Nach-Wende-Zeit sich langsam mit Wut und dem Bedürfnis nach Überlegenheit füllte, die sich an der Gruppe mit der schwächsten Position in der Gesellschaft entlud: den Asylsuchenden.

 

Entstanden ist ein mutiges und zugleich einfühlsames Bild einer vermeintlich verlorenen Generation, die sich in eine mörderische Ideologie verrennt, deren langer Arm bis in die heutige Zeit reicht.

 

Text: Erika Weisser / Fotos: © Zorro Film

 

Mit "Wir sind jung. Wir sind stark", einer Aufarbeitung der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, ist Regisseur Burhan Qurbani ein kleines Meisterwerk gelungen.

 

 
 
 
Wir sind jung. Wir sind stark
Deutschland 2014
Regie: Burhan Qurbani
Mit: Jonas Nay, Saskia Rosendahl,
Trang Le Hong u.a.
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 22.1. 2015
Laufzeit: 122 min.