Vom aufrechten Gang

Es ist kein Zufall, dass dieser Film gerade jetzt ins Kino kommt: Vor genau 70 Jahren, am 9. April 1945, wurde Georg Elser im Konzentrationslager Dachau hingerichtet. In aller Heimlichkeit. Auf einen schriftlichen Befehl von höchster Ebene hin, der nach seiner Vollstreckung zu vernichten war: Man wollte den Eindruck erwecken, dass der 42-jährige bei einem Bombardement der vorrückenden Alliierten, die Dachau 20 Tage später befreiten, ums Leben gekommen sei.

Georg Elser spielt auf seinem Bandoneon

 

Der Hinrichtung waren fünf Jahre Einzelhaft vorausgegangen. Denn Georg Elser, der gelernte Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn, hatte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler verübt, das dieser nur deshalb überlebte, weil er den Ort des Geschehens wenige Minuten vor der Detonation der unter seinem Rednerpult versteckten Bombe verlassen hatte. Er hatte es gewagt, gegen den Strom zu schwimmen, hatte den Mut gehabt, das Land von seinem selbsternannten „Führer“ befreien zu wollen. Ganz allein, ohne jede Unterstützung hatte er den Anschlag vorbereitet – in der Überzeugung, dass es „so nicht weitergehen“ könne, dass Hitler schlecht für Deutschland sei. Weshalb dieser ihn als seinen persönlichen Feind betrachtete, dem er nach dem Krieg einen großen Schauprozess machen wollte.

Diese historische Tatsache wird im Film nur angedeutet – kurz bevor Elser zur Erschießung abgeführt wird. Mit aufrechtem Gang – nach Jahren von Verhören, Misshandlungen, Isolation. Und ohne Reue: „Wie kann ein Mensch nur so kläglich versagen wie ich“ sagt er noch zu dem Aufseher, der ihn abholt. Dabei hat er gar nicht versagt, ist nicht gescheitert. Nur das Attentat. Doch das war, wie der Film zeigt, reiner Zufall: Wegen schlechten Wetters konnte Hitler nicht mit dem Flugzeug zurück nach Berlin, sondern musste mit dem Zug fahren und deshalb seine alljährliche Gedenkversammlung in München früher als üblich verlassen. Und das konnte Elser nun wirklich nicht voraussehen.

Elser begutachtet den Bürgerbräukeller

 

Er hatte seine Tat, auch das zeigt Oliver Hirschbiegels Film eindringlich, ein ganzes Jahr lang vorbereitet, hat sich mit den Gegebenheiten des Ortes vertraut gemacht, hat sich mit den technischen Voraussetzungen für einen Sprengstoffanschlag beschäftigt, hat getüftelt, gezeichnet, konstruiert, hat sein handwerkliches Können und seine Berufserfahrung als Uhrmacher genutzt, um einen Zeitzünder zu bauen, hat alles bis ins kleinste Detail geplant – einschließlich des Schiffsfahrplans auf dem Bodensee. Denn er wollte rechtzeitig, vor der Detonation, in der Schweiz sein. Und das wäre ihm auch beinahe gelungen.

Aber eben nur beinahe: Direkt an der Grenze wird er verhaftet und sitzt bereits am Vernehmungstisch, als er vom „Attentat auf den Führer“ hört. Da er eine Konstruktionszeichnung und ein paar Drähte bei sich hat, wird er sofort verdächtigt und nach Berlin überstellt. Dort erwarten ihn Verhöre, von denen schon allein die filmische Darstellung an die Grenze des Erträglichen geht. Er bleibt standhaft, verteidigt Menschlichkeit und Freiheitsliebe – und bittet die Angehörigen der acht Opfer, die seine Bombe anstelle Hitlers in den Tod riss, um Verzeihung. „Ich bin ein freier Mensch gewesen, in all meinen Entscheidungen.“, gibt er den beiden Nazi-Funktionären, die verhören, auf ihre Frage nach den Hintermännern zur Antwort. Kripo-Chef im Reichssicherheitshauptamt Arthur Nebe ist der eine, Gestapochef Heinrich Müller der andere. Und im Auftrag des Führers können sie nicht glauben, dass er allein gehandelt hat – gegen den übermächtigen Apparat. Eben deshalb, sagt Georg Elser: „Keiner hätte mitgemacht“

Müller und Nebe bedrängen Elser

 

Man ist beeindruckt von so viel Geradlinigkeit – und einer der beiden Offiziere, die ihn befragen, ist es schließlich auch: Arthur Nebe, wird noch vor Elser hingerichtet – er stand in Verbindung mit den Verschwörern des 20. Juli 1944. Diese hätten die Welt indessen nicht mehr verändert. Elser schon – wenn seine Bombe nur 13 Minuten früher hochgegangen wäre.

Der Film zeichnet das Porträt eines ganz gewöhnlichen Menschen mit alle Stärken, Schwächen, Lieben, Vorlieben, Interessen, Freundschaften, Freuden und Enttäuschungen. Eines Menschen, der Unrecht irgendwann nicht mehr erträgt und sich dagegen auflehnt, aus eigener Entscheidung und nur seinem Gewissen verpflichtet. Ein großartiges Lehrstück über Zivilcourage, dem viele Zuschauer zu wünschen sind.

Text: Erika Weisser / Fotos: Lucky Bird Pictures

Elser. Er hätte die Welt verändert
Deutschland 2014

Regie: Oliver Hirschbiegel
Mit: Christian Friedel,Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johan von Bühlow u.a.
Verleih: NFP
Laufzeit: 114 min.
Ab 09.04.2015 im Kino Friedrichsbau

Für die Vorstellungen am Sonntag, 12.4.2015, verlost das chilli 2 x 2 Eintrittskarten. Teilnahme per E-Mail an gewinnspiel@chilli-freiburg.de, Betreff “Elser”.