Der zweifache Oscarpreisträger Denzel Washington joggt beinahe in den Raum. Kaum ist er da, ist er schon wieder weg, denn das Getränk seiner Wahl ist nicht vorhanden. Der 57-Jährige sprintet zur Tür und fragt beim Zurückkehren, ob er vielleicht noch einen Wein oder ein Bier mitbestellen soll. Denzel Washington ist zu Scherzen aufgelegt, demonstriert gute Laune und streift im Gespräch die Gesetze in Hollywood, Gott, Julia Roberts und seine Zukunft als Clown. Nebenbei hat Denzel Washington einmal mehr einen eher durchschnittlichen Actionfilm abgedreht. Der junge chilenisch-schwedische Regisseur Daniel Espinosa präsentiert ihn als gewieften Agenten, der der CIA den Rücken kehrte. Für Washington ist seine Figur vor allem ein Soziopath, ein Menschen, der kein Mitgefühl kennt und nicht gesellschaftsfähig ist. Am 23.02. startet “Safe House” in den deutschen Kinos. Claudia Nitsche sprach mit dem amerikanischen Schauspieler.

chilli: So einen bösen Kerl wie den ehemaligen CIA-Agenten Tobin Frost spielen Sie ganz gerne, oder?
Denzel Washington: Im Theater wurde mir beigebracht, dass du nie einen Bösen “spielst”. Sonst müsstest du hektisch überlegen (er beißt theatralisch eingeschüchtert auf seine Fingernägel, d. Red.), wie um alles in der Welt das gehen soll, mit der Darstellung eines Bösen (lacht). Du musst den lieben, der du sein sollst.

chilli: Was bedeutete das für die Rolle des Abtrünnigen?
Washington: Das heißt: Ich glaube an den Soziopathen (lacht). Frost ist ein Lügner und Betrüger. Er hat kein Gewissen. Im Buch “Der Soziopath von nebenan” habe ich gelesen, dass etwa 85 Prozent aller Soziapathen nicht gewalttätig sind. Aber sie möchten gewinnen. Darauf ist ihr Handeln ausgerichtet, und ihr Mittel ist die Manipulation.

Man könnte meinen, er blickt zurück im Zorn. Doch Denzel Washington ist sehr zufrieden mit den alles entscheidenden Anfängen seiner Karriere.



chilli: Wenn Sie eine Rolle als dunklen Charakter empfinden, berührt Sie das?
Washington: Ich glaube an Gott, und ich fürchte daher auch nur Gott und nicht die Menschen. Wobei ich zwischen Religion und Spiritualität unterscheiden möchte. Religion ist das, was die Menschen daraus machen. Sie wollen Unterschiede hervorheben – mein Gott ist richtig, deiner nicht. Dafür stellen sie dann all die schwachsinnigen Regeln auf. Dinge wie: “Du wirst in der Hölle schmoren, weil du Dienstag und Donnerstag keinen Apfelsaft trinkst”, oder sowas in der Art (lacht).

chilli: Sie sind als Hollywoodstar zurück ans Theater gegangen …
Washington: Zum einen: Ich arbeitete auch früher schon gerne am Theater. Ich konnte nur lange nicht an den Broadway zurück, weil ich Kinder in Kalifornien großzuziehen hatte. Seit die Kinder alt genug sind, das ist jetzt auch schon seit sechs Jahren der Fall, geht das wieder.

chilli: Und zum anderen?
Washington: Ich bin kein Hollywoodstar. Ich bin Schauspieler. Wissen Sie, man bekommt Titel zugedacht. Erst heißt es: “Das wird ein Star”, dann: “Das ist ein Star”, und schließlich bist du ein Star, der sich erledigt hat. Ich laufe jedenfalls nicht rum und sage: “Ich bin ein Filmstar, kann mir mal jemand meinen Wagen holen.” Julia Roberts hat das mal gut auf den Punkt gebracht.

Im Zuge der Vorbereitung auf seine Rolle als Ex-Agent und skrupelloser Betrüger hat sich Denzel Washington ins Thema "Soziopathen" eingelesen.



chilli: Was hat Sie gesagt?
Washington: Wie war das gleich … “Ich bin eine normale Person mit einem außergewöhnlichen Job.” So sehe ich das auch. Wobei er eigentlich noch nicht mal so außergewöhnlich ist. Wir sprechen hier ja nicht von Raketentechnik, sondern nur von Unterhaltung. Ich tue die Dinge so, wie ich sie für richtig halte. Soll ich dazu mal einen Vergleich anstellen?

chilli: Bitte.
Washington: Nehmen wir mal an, ich stelle Gläser für Orangensaft her. Dafür frage ich nicht jeden, wie ich das machen soll und was er darüber denkt. Ich produziere die einfach und stelle sie hin, so, dass man sie anschauen kann. Der eine sagt dann, das ist ein schlechtes Glas, der andere: Das ist ein Filmstar-Glas (lacht).

chilli: Ein anderes Thema: In Ihrer Filmografie finden sich keine Komödien.
Washington: Ah, richtig: Erst war ich der Typ mit den Biografien, nach “Malcolm X” und “Hurricane”. Doch dann ist einer ausgerutscht und das Drehbuch zu “Training Day” fiel direkt in meine Arme. Danach war ich der Böse. Aber wissen Sie was: Gerade lese ich ein neues Skript: Es ist nicht direkt eine Komödie, aber ziemlich albern. Ich freue mich über diese Chance – und das nächste Mal, wenn Sie mich sehen, werde ich für Sie der “lustige Hanswurst” sein, sofern ich den Job gut mache. Man muss kämpfen, um aus den Schubladen rauszukommen.

Mit Willem Dafoe (links) ermittelte Denzel Washington in Spike Lees "Inside Man". Demnächst will er in einem Film mitspielen, der nach eigener Aussage albern ist.



chilli: Warum gerät ein Mann Ihres Kalibers hinein?
Washington: Weil Leute, die 50, 70 oder 100 Millionen Dollar in einen Film investieren, kein Interesse daran haben, etwas auszuprobieren. Bei solch großen Unterfangen finden Produzenten es nicht spannend, herauszufinden, ob ein Schauspieler seine Rolle gut spielen könnte. Sie möchten sicher sein, dass dem so ist. Aber das Fundament meiner Karriere besteht aus dem Neinsagen. Es ist sehr wichtig, was du ablehnst. Sidney Poitier hat mir vor vielen Jahren bestätigt, dass sich deine Entwicklung mit den ersten vier, fünf Filmen, die du drehst, entscheidet.

chilli: Die bestimmen, wie ein Schauspieler wahrgenommen wird?
Washington: Genau. Ich hatte Glück mit den Regisseuren: Erst engagierte mich Norman Jewison 1984 für “A Soldier’s Story”, 1986 Sidney Lumet für “Power” und ein Jahr später Richard Attenborough für “Cry Freedom”. Für “Cry Freedom” war ich dann schon das erste Mal für den Oscar nominiert. Dann war das Neinsagen erst recht entscheidend: Ich erhielt eine Menge anderer Filmangebote, bei denen mir aber entweder der Charakter oder meine Aufgabe nicht gefiel. Ein Buch hieß “Der Neger, der nicht töten konnte” – solche Sachen habe ich trotz verlockender Gagen abgelehnt. Ich rate auch jungen Schauspielkollegen: Wenn die Angebote nicht stimmen, geht keine Kompromisse ein.

chilli: Sondern?
Washington: Geht ans Theater und wartet. Aber es ist heute schwierig, da werden mit einem Fingerschnippen Stars gemacht. Die sind gerade mal 20 und können sich nicht entwickeln. Sie sehen gut aus, aber haben nie gelernt, was sie da tun. Das ist natürlich nur meine bescheidene Meinung.

Fotos: 2012 Universal Studios / Jasin Boland / Universal Studios