Leben nach dem Glücksprinzip

Lange Jahre, so hatte man den Eindruck, spielte der hochbegabte Schauspieler Heiner Lauterbach vorwiegend Rollen, um Geld zu verdienen. Da schienen ihn seine Filme fast schon zu unterfordern. Mittlerweile werden die Projekte des 62-Jährigen wieder ambitionierter: die Generationenkomödie „Wir sind die Neuen“ oder seine von der Kritik gelobte Darstellung im lakonischen Gangsterfilm „Harms“ liefen 2014 im Kino. Im ARD-Roadmovie „Letzte Ausfahrt Sauerland“ (Freitag, 15. Mai, 20.15 Uhr, ARD) spielt Lauterbach nun einen Clint Eastwood in „Gran Torino“ nicht unähnlichen Kauz und Menschenverächter, den eine tödliche Diagnose ereilt. Für den Schauspieler, der vor anderthalb Jahrzehnten Abschied von einem selbstzerstörerischen Leben nahm, ist dies ein guter Anlass, noch einmal Bilanz zu ziehen.

Heiner Lauterbach (links) und Friedrich von Thun spielen in der ARD-Tragikomödie "Letzte Ausfahrt Sauerland" zwei knorrige alte Freunde.

 

chilli: Der Protagonist in „Letzte Ausfahrt Sauerland“ erfährt, dass er bald sterben wird. Zeit für eine Lebensbilanz. Wann haben Sie Ihre erste Lebensbilanz gezogen?
Heiner Lauterbach: Vermutlich beim Schreiben meiner ersten Biografie, vor zehn Jahren. Ich hatte damals nicht unbedingt damit gerechnet, dass das Aufschreiben meines Lebens auch eine Bilanz sein würde. Viele Leute, die ihr Leben aufschreiben, malen sich ja doch in den Farben, in denen sie sich schon immer gerne sehen wollten. Da wird so eine Biografie schnell mal zur nachträglichen Rechtfertigung. Bei mir war es so, dass ich tatsächlich noch mal intensiv über vieles nachgedacht und auch anders bewertet habe als früher.

 

chilli: Es gab damals einen konkreten Anlass. Sie waren in einer neuen Beziehung, hatten eine Familie gegründet, Ihr Leben geändert …
Lauterbach: Bevor aus der Sache ein Buch wurde, hatte ich erst mal die Idee, einen langen Brief an meine Kinder oder auch später meine Enkel zu schreiben. Ich wollte Dinge erklären, die sie ansonsten später vielleicht nur den Zeitungen oder dem Internet entnommen hätten. Mein Agent erzählte einem Verleger von diesem Brief, und dann kam die Sache mit dem Buch. Ich wollte damals eigentlich gar kein Buch schreiben geschweige denn veröffentlichen.

 

chilli: Ist es nicht ein wenig früh, mit Anfang 50 die Autobiografie zu schreiben?
Lauterbach: Klar, sinnvoller wäre es mit 80. Ich glaube trotzdem, dass man mit 50 vielleicht die bessere Biografie schreibt. Erstens erinnert man sich noch genauer an viele Dinge aus der Jugend. Und man geht vielleicht ein wenig härter und ehrlicher mit sich ins Gericht.

 

chilli: Wie objektiv ist Heiner Lauterbach mit sich selbst?
Lauterbach: Natürlich bin ich nicht objektiv. Wenn man sich als Subjekt betrachtet, ist man immer subjektiv. Dennoch, glaube ich, war ich ziemlich ehrlich – das ist ein Unterschied. Es gibt Autobiografien, die sind wehleidig. Sie entschuldigen sich oder lassen vieles aus. All das habe ich nicht getan. Mein Rezept, mit den für mich nicht so schmeichelhaften Dingen umzugehen, war immer der Humor. Der hilft immer, wenn es eng wird – vor allem bei einem selbst.

 

chilli: Sind Sie ein guter Erinnerer?
Lauterbach: Es gibt zwei Anker, die bei mir ziemlich gut funktionieren. Das eine sind Fußballweltmeisterschaften. Da weiß ich immer genau: welches Spiel, welcher Ort, welche Lebenssituation. Das andere sind natürlich die Filme. Die waren schon immer hervorragende Eselsbrücken für mich. Über die lässt sich mein Leben im Nachhinein ziemlich gut durchstrukturieren.

Selten hat man einen lakonischeren Schauspieler im deutschen Kino gesehen als Heiner Lauterbach im Gangsterfilm "Harms" (2014).

 

chilli: Sie sind im April 62 geworden. War das leichter als die sogenannten runden Geburtstage, der 50. oder 60. beispielsweise? Da herrscht doch eine ganz andere Bilanz-Dringlichkeit, oder?
Lauterbach: Ja, das sagt man. Ich habe es aber nicht so empfunden. Ich werde jeden Tag älter. Warum sollte ich deshalb zu einem konkreten Termin in Panik ausbrechen? Natürlich sehe ich manchmal morgens in den Spiegel und entdecke eine Falte, die vorher noch nicht da war. Manchmal sitze ich irgendwo im Taxi und denke auf einmal daran, wie schnell die Zeit vergeht. Dass das Leben so schnell vorbeigeht. Je schöner so ein Leben ist, desto schneller zieht es an einem vorbei. Das ist ja das Gemeine oder vielleicht auch das Gerechte daran.

 

chilli: Wenn Sie erfahren würden, dass Sie nur noch kurze Zeit zu leben hätten – wie groß wäre Ihre Angst vor dem körperlichen Verfall, vor dem Sterben?
Lauterbach: Natürlich hätte ich Angst. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch und liebe mein Leben. Da fällt es umso schwerer, Abschied zu nehmen. Natürlich hoffe ich, sollte es mich treffen, dass ich mein Schicksal akzeptieren und tragen würde.

 

chilli: Ist es im Falle einer tödlichen Diagnose ein Unterschied, ob man Optimist oder Fatalist ist?
Lauterbach: Das weiß ich nicht. Ich bin ein Anhänger des Glücksprinzips. Je älter ich werde, desto überzeugter bin ich, dass es Glück und Zufall sind, die unser Leben am meisten prägen. Das geht damit los, wo und unter welchen Bedingungen wir geboren werden. Wie wollen Sie das beeinflussen? Dazu kommen die Veranlagungen, die einem mitgegeben wurden. Auch dafür ist man nicht verantwortlich. Gene sind Glückssache, und was man aus ihnen macht, hat auch viel mit Veranlagung zu tun. Es gibt fleißige Menschen. Denen liegt es in der Natur, dass sie ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen. Und dann gibt es ambitionslos Geborene. Die müssen einen enormen Kraftaufwand betreiben, um ein bisschen aus dem Quark zu kommen.

 

chilli: Viele Schauspieler sagen, dass man gerade in diesem Beruf extrem vom Zufall abhängig ist. Selbst außergewöhnlich talentierte Vertreter Ihres Berufes erzählen, dass es entscheidend für ihre Karriere war, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren, um zum Beispiel jemanden zu treffen.
Lauterbach: Richtig, aber geht es nicht uns allen so? Überlegen Sie mal, wenn Sie einen Partner haben, wie viele Zufälle zusammenkommen mussten, damit sie diesen einen Menschen getroffen haben! Und wie entscheidend dieser Mensch ihr Leben prägte? Trotzdem haben Sie Recht. Schauspieler brauchen Glück ohne Ende, um es zu schaffen. Erst mal ist es Glück, ob man Talent hat. Dann braucht man das Charisma, damit sich dieses Talent auch zeigen darf. Und man braucht jemanden, der dieses Talent erkennt und fördert. Wir brauchen alle Glück im Leben, immer und immer wieder.

 

chilli: Hatten Sie bisher immer Glück?
Lauterbach: Ich hatte eine Menge Glück. Aber natürlich auch meine Schattenseiten. Ich war schwer alkoholabhängig. Ich habe Drogen genommen. In meinem Leben ist nicht alles rosig verlaufen. Aber das waren Dinge, die habe ich mir selbst zugefügt. Mir ist nicht irgendein Idiot ins Auto gerast.

"Letzte Ausfahrt Sauerland": Beim Bier in der Kirche können die alten Freunde Horst (Heiner Lauterbach, links) und Johann (Friedrich von Thun) sich noch einmal richtig miteinander aussprechen.

 

chilli: Wann fühlen Sie sich heute glücklich?
Lauterbach: Wenn ich an meine Familie denke. An meine beiden jungen Kinder. Aber auch mein ältester Sohn macht mich sehr glücklich. Meine Frau macht mich jeden Tag geradezu unfassbar glücklich. Ich bin mir nicht sicher, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich sie nicht getroffen. Darüber hinaus mache ich beruflich noch mal eine schöne Entwicklung durch. Gemeinsam mit meinem Freund, dem Regisseur Niki Müllerschön, habe ich eine kleine Firma gegründet. Mit der versuchen wir, wirklich interessante Stoffe fürs Kino und Fernsehen zu entwickeln. Der Gangsterfilm „Harms“ war unser erstes Projekt. Der hat auch in den Feuilletons einiges an Zuspruch bekommen. „Letzte Ausfahrt Sauerland“ ist jetzt auch wieder ein gemeinsames Projekt. Es kommen noch viele andere Sachen, auf die ich viel Lust habe.

 

chilli: Es war nicht immer so, dass Sie sich auf Ihre Rollen gefreut haben …
Lauterbach: Es gab Zeiten, da habe ich sehr viel gearbeitet. Da spielte ich eine Rolle nach der anderen, ohne dass ich es richtig genießen konnte. Es war einfach nur noch: arbeiten, Geld verdienen und wieder ausgeben. Die Freude am Beruf blieb ein bisschen auf der Strecke. Vor ein paar Jahren habe ich dann gesagt, dass ich nur noch Filme mache, die ich mir auch selber anschauen würde. Für mich hat sich das als gute Regel herausgestellt, ob man einen Film annehmen oder absagen sollte.

 

chilli: Eigentlich ist das doch eine sehr einfach Regel.
Lauterbach: In unseren Prozessen der Entscheidungsfindung verlieren wir doch oft den Blick für solch einfache, aber effiziente Regeln. Vor ein paar Jahren habe ich auch eine Regel gefunden, wenn es um moralische Entscheidungen geht. Wenn ich mich zum Beispiel frage, ob man eine bestimmte Sache moralisch vertreten kann oder nicht, frage ich mich jetzt immer, ob ich diese Sache meinen Kindern erzählen würde oder ob ich mich vor denen schämen würde. Auch diese Regel macht mein Leben sehr viel klarer und einfacher.

 

chilli: Sie haben vor zwei Jahren zu Ihrem 60. Geburtstag noch einmal eine Biografie nachgelegt. Gab es noch Redebedarf? Oder eine neue Bilanz?
Lauterbach: Na ja, eigentlich hatte ich ja meinen Lesern versprochen, dass ich sie nicht noch mal belästige (lacht). Aber ich dachte mir, dass es einfach auch mal schön ist, etwas über das Leben eines glücklichen Menschen zu lesen. Die meisten Geschichten, die aufgeschrieben werden, sind tragisch. Das macht ja auch Sinn. Was wäre aus Romeo und Julia geworden, wenn sie nicht jung gestorben wären? Hätte man sie später sehen wollen, wie Romeo dickbäuchig die „Sportschau“ guckt und sich Julia um die Bügelwäsche kümmert? Ich fand es gut, diesen Teufelskreis des Dramas zu durchbrechen, aber ich habe dieses zweite Buch auch eher so ein bisschen witzig angelegt. Natürlich wäre es langweilig gewesen, wenn ich da immer nur beschrieben hätte, wie ich zufrieden um den Starnberger See laufe. Deshalb erzähle ich darin auch viel von meiner Arbeit, über den deutschen Film und das Fernsehen. Da sind auch wenig schmeichelhafte Dinge drin. Sachen, die viele andere Leute aus Film und Fernsehen auch denken, sich aber nicht auszusprechen trauen, weil sie Angst haben, dass sie danach keine Aufträge mehr bekommen.

 

chilli: Was gefällt Ihnen am deutschen Fernsehen, und was finden Sie schrecklich?
Lauterbach: Mir gefällt, dass wir wahrscheinlich das beste frei empfängliche Fernsehen der Welt haben. Ich war überall auf der Welt, und fast immer schaue ich mir das Fernsehen an, um einen Eindruck zu bekommen. Ich glaube nicht, dass es irgendwo sonst so viele gute Programme gibt wie die, die unsere öffentlich-rechtlichen Sender auf die Beine stellen. Was mir nicht gefällt: dass auch diese Sender die Quote mittlerweile wie einen Götzen anbeten. Ich bin ein großer Verfechter der Idee, dass man Fernsehen für die Masse macht, aber das hat mit meiner Kritik nichts zu tun. Aber mittlerweile kann ich bestimmte Formate auch einfach nicht mehr sehen.

 

chilli: Krimis vielleicht?
Lauterbach: Krimis sind okay, einen guten Thriller kann ich mir immer anschauen. Aber müssen im deutschen Krimi denn immer Polizisten die Hauptrolle spielen? Wenn ich schon diese Schulterhalfter sehe, muss ich leider ausschalten (lacht).

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ARD Degeto / Frank Dicks; Kinostar
Quelle: teleschau – der mediendienst