Eine zweite Karriere

Mit 19 Jahren kam sie ins Musikgeschäft und wurde aus dem Stand zum deutschen Soul- und Charts-Wunder. Sarah Connor aus Delmenhorst verkaufte in den Jahren nach der Jahrtausendwende sieben Millionen Platten. Auch über ihre Musik hinaus war die norddeutsche Stimmgewalt omnipräsent in den Medien. Einsamer Höhepunkt: die 2005 bei ProSieben gesendete Doku-Soap „Sarah & Marc in Love“, in der die Sängerin ihre Hochzeit und Beziehung zu Ex-Ehemann Marc Terenzi in die Öffentlichkeit trug. Vor fünf Jahren wurde es dann still um Sarah Connor. Sie ließ ihren Plattenvertrag auslaufen und suchte privat und künstlerisch nach neuer Orientierung. Das Ergebnis ist ein erstaunlich nachdenkliches Werk namens „Muttersprache“. Es ist das erste deutschsprachige Album der heute 34-jährigen Sängerin.

Früher wollte sie perfekt "performen", heute sucht sie nach den tieferen Dingen des Lebens: Sarah Connor, 34, hat ihr erstes deutschsprachiges Songwriter-Album aufgenommen.

 

chilli: Ihr letztes Album liegt fünf Jahre zurück. Jetzt veröffentlichen Sie Ihre erste Platte in deutscher Sprache. Darf man das schon als Comeback bezeichnen?
Sarah Connor: Es ist zumindest ein Neuanfang mit anderen Zielen. Die Musik ist auch unter anderen Bedingungen als früher entstanden. Im Prinzip habe ich fünf Jahre an dieser Musik gearbeitet. Ich habe viel ausprobiert und bin zur Songwriterin geworden. Auch in meinem Leben hat sich viel getan. Und um das zu erzählen, was ich in den Songs erzählen wollte, schien mir Deutsch die natürlichere Sprache zu sein. Ich möchte, dass die Leute mir zuhören und die Lieder auch verstehen.

 

chilli: Was bedeutet es für Sie, wenn Sie sagen: Ich bin jetzt Songschreiberin?
Sarah Connor: Ich habe gelernt, meine eigenen Melodien zu machen, auf meinen Bauch zu hören und meine eigenen Geschichten in Form von Musik zu erzählen. Ich hatte ein paar wunderbare Partner, die mich unterstützt haben. Aber das ganze Album ist nach meinen Instinkten und Gefühlen entstanden. Früher war ich eine Stimme, die große Songs singt. Darum geht es bei „Muttersprache“ nicht. Es ist mit großem Abstand die zärtlichste Platte, die ich bisher gemacht habe.

 

chilli: Sie waren vor Ihrer Auszeit etwa zehn Jahre unter Volldampf als deutsche Soul- und Charts-Sensation unterwegs. Hatten Sie früher nie das Bedürfnis, das zu tun, was Sie sich jetzt gönnen?
Sarah Connor: Mein früheres künstlerisches Umfeld hat mich eher vor diesem Schritt gewarnt. Die haben gesagt: „Pass auf, es wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, wo du dich komplett selbst verwirklichen willst. Dann willst du alles selber machen, und das kann total nach hinten losgehen.“ Ich hatte, ehrlich gesagt Respekt davor, dass es genauso kommt. Mein Selbstvertrauen war – zumindest in dieser Beziehung – nicht das größte. Ich war nicht so stark, dass ich mich selbstständig anders hätte entscheiden können.

 

chilli: Sie ließen Ihren alten Plattenvertrag vor fünf Jahren auslaufen. Hatten Sie vielleicht sogar mit Ihrer Karriere als Sängerin abgeschlossen?
Sarah Connor: Man kann es so sagen. Ich dachte mir: Okay, jetzt warst du die ersten zehn Jahre deines Berufslebens Sängerin – und was machst du die nächsten zehn? Meistens habe ich in der Zeit Songs gesungen, die andere Leute für mich geschrieben hatten. Heute bin ich Singer-Songwriterin. Um aber herauszufinden, ob ich das kann, brauchte ich einfach Zeit.

Sieben Millionen verkaufte Platten und drei Kinder von zwei Männern. Sarah Connor ging mit Anfang 30 mit sich in Klausur und dachte über Ausstieg aus dem Pop-Betrieb nach.

 

chilli: Über welche Lebensalternativen haben Sie damals nachgedacht?
Sarah Connor: Ich dachte darüber nach, ein Praktikum bei einem Nachrichtenmagazin zu machen. Ich wollte mein Abitur nachholen und Journalismus studieren. Zwischendurch bin ich zur Uni gegangen und habe Philosophie-Vorlesungen besucht. Ein Philosophiestudium hätte ich mir auch vorstellen können. Es war einfach so, dass ich einen starken Drang spürte, meinen Kopf zu füllen. Dazu gehörte auch, dass ich mich der Musik wieder angenähert habe. Ohne Druck und mit der Idee, andere Dinge zu tun. Zum Beispiel, mich anders mit Musik auszudrücken.

 

chilli: Haben Sie sich in dieser Zeit auch musikalisch gebildet?
Sarah Connor: Ja, ich habe es versucht (lacht). Ich lernte ein bisschen Gitarre und habe wieder mit dem Klavierspielen angefangen. Allerdings habe ich meistens so grandiose Musiker um mich herum, dass es schlichtweg einfacher ist, mit denen gemeinsam Dinge zu probieren und so die richtigen Akkorde zu meinen Texten und Melodien zu finden. Meine Stimme ist mein Instrument.

 

chilli: Sie kommen vom Soul, machen also Seelenmusik. Drückt sich Ihre Seele anders aus, wenn Sie auf Deutsch singen?
Sarah Connor: Ja. Deutsch fühlt sich anders an, sehr viel direkter. Früher galt es oft, das Spektrum meiner Stimme zu zeigen. Heute geht es mir nicht mehr darum, was ich mit meiner Stimme machen kann. Ich will nun das, was ich zu sagen habe, ein wenig leiser, zärtlicher mit Musik zu unterlegen.

 

chilli: Wenn man Ihnen zuhört, hat man fast den Eindruck, Sie hätten früher Gefühle in Ihrer Musik nur auf technisch hohem Niveau vorgegaukelt …
Sarah Connor: Nein, sicher nicht. Wenn ich den Schmerz bei „From Sarah With Love“ oder die Wut in „Bounce“ nicht selbst gekannt hätte, wären auch keine starken Songs dabei herausgekommen. Ohne ganz dicht an seine Gefühle heranzugehen, ist Singen gar nicht möglich. Gesang ist der emotionalste Ausdruck, den wir Menschen haben. Man kann sich auch in Lieder anderer Menschen hineindenken, als wären es die eigenen – sofern man einen emotionalen Anknüpfungspunkt hat. Wenn ich „Keine ist wie du“ von Gregor Meyle singe, bin ich diesem Lied so nah, näher geht es nicht – weil ich eben den Schmerz, der in dieser Geschichte liegt, selbst schon so erlebt habe. Ich muss einen Song nicht selbst schreiben, um ihm ganz nahe zu sein. Es fühlt sich aber trotzdem gut an, es zu tun.

Sarah Connors neues Album "Muttersprache" entstand unter hörbarer Mithilfe des "Rosenstolz"-Produktionsteams Peter Plate, Ulf Sommer und Daniel Faust.

 

chilli: Es wäre also falsch zu sagen, dass es keinen besseren Lieferanten einer Geschichte gibt als jenen Menschen, dem diese Geschichte passiert ist?
Sarah Connor: Ich finde, in Bezug auf Musik, kann man das tatsächlich so nicht sagen. Whitney Houston hat nie einen Song selbst geschrieben. Trotzdem ist sie die größte Sängerin aller Zeiten. Weil sie ein Gefühl in jedes Lied hineinpacken konnte, als sänge sie gerade über das Wichtigste und Einmaligste, das in ihrem Leben je passiert ist. Ich denke aber, dass man nur so viel Gefühl in der Stimme transportieren kann, wenn man selbst in tiefe emotionale Abgründe und vielleicht auch höchste Höhen geblickt hat.

 

chilli: Kann es sein, dass Sie im Grunde Ihres Herzens ein melancholischer Mensch sind?
Sarah Connor: Ich würde sagen, ja. Auch wenn ich grundsätzlich Optimist bin, gehöre ich doch eher ins nachdenkliche Lager. Ich gebe mich solchen Stimmungen auch gerne hin. Dann brauche ich auch die Musik am meisten. Die ist dann auch meistens nachdenklich und kommt von Leuten, die etwas zu sagen haben: Bob Dylan, Joni Mitchell, Leonard Cohen …

 

chilli: Ziehen Sie heute emotional aus der Musik andere Dinge heraus als während Ihrer ersten Karriere als Popstar?
Sarah Connor: Ja, die Musik hat einen ganz anderen Stellenwert. Damals war sie alles, was ich hatte. Musik bestimmte mein Leben. Sie war mein Traum, meine ganze Hoffnung. Deshalb wollte ich eine perfekte „Performerin“ sein – die, die am frühesten aufsteht, am härtesten arbeitet und am wenigsten schläft. Heute spielen ganz andere Dinge eine viel größere Rolle in meinem Leben. Ich habe drei wundervolle Kinder. Davon ist eines herzkrank geboren. Es ist bis heute nicht rundum gesund. Das sind die Dinge, die mich nachts manchmal nicht schlafen lassen. Es gibt schlichtweg Wichtigeres als beruflichen Erfolg. Dennoch ist es toll, dass ich mit Musik immer noch mein Geld verdienen kann. Wenn das morgen nicht mehr der Fall wäre, hätte ich aber auch kein Problem damit, etwas anderes zu tun.

 

chilli: Würden Sie Dinge anders machen, wenn Sie heute noch mal die 20-jährige Sarah Connor wären?
Sarah Connor: Ich beschäftige mich sehr selten damit, was ich alles hätte anders machen können. Das, was ich getan habe, hat mir jene vielen verschiedenen Blickwinkel ermöglicht, die ich heute aufs Leben habe. Ich mag es generell nicht, Dinge zu bereuen, die in meinem Leben passiert sind. Es wäre Zeitverschwendung. Ich versuche, das Gute in den Dingen zu erkennen. Na klar, man kann sich darüber streiten, ob es schlau war, die eigene Hochzeit im Fernsehen zu vermarkten und Ähnliches. Trotzdem bin ich dankbar für all die Zacken und Narben in meiner Biografie. Sie gehören einfach zu meinem Erfahrungsschatz. Sie sind ein Teil der Reise.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © Nina Kuhn / Universal Music
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Sarah Connor auf Deutschland-Tournee:

14.09., Hamburg, Laeiszhalle
15.09., Berlin, Admiralspalast
16.09., Leipzig, Haus Auensee
18.09., Stuttgart, Liederhalle
19.09., München, Deutsches Theater
20.09., Köln, Palladium
21.09., Bremen, Die Glocke