Seit 2003 organisiert Jurriaan Cooiman das Festival Culturescapes. Von Basel aus spinnt er ein Netzwerk durch die ganze Schweiz, um jedes Jahr jeweils ein östliches Land, von Rumänien bis China, von Estland bis Aserbaidschan, umfassend mit seiner zeitgenössischen Kultur zu präsentieren. 2012 fokussiert er mit Moskau erstmals eine Stadt. Stefan Franzen hat sich mit ihm unterhalten.

 

chilli: Herr Cooiman, wie kommt man als gebürtiger Niederländer nach Basel und dann als Westeuropäer auf den Osten?
Jurriaan Cooiman: Ich bin in der Schweiz hängen geblieben, weil ich schon vor 20 Jahren in Dornach am Goetheanum gearbeitet habe. Nach meinem Kulturmanagement-Studium an der Uni Basel habe ich das Festival aus den Musikwochen in Dornach entwickelt. Ich will damit wegkommen vom eurozentristischen Bild. Es ist spannend, die Gesellschaften im Osten anzuschauen, die mit verschiedenen Tempi unterwegs sind, ohne dass man schon genau weiß, wohin sie sich entwickeln. Wir wissen unglaublich wenig über deren Inhalte, Formate und Ästhetiken. Ich fühle mich da als Matchmaker.

chilli: Ist der Name „Culturescapes“ nur ein schönes Wortspiel oder verbirgt sich dahinter eine Programmatik?
Cooiman: Es verbirgt sich eine Programmatik dahinter, insofern eine Kulturlandschaft durch drei große Bereiche geprägt ist: Sprache oder Sprachen, der Umgang mit und die Interpretation von Geschichte sowie Traumata und Schicksalsschläge. Drei Elemente, die Leute verbinden und bedingen, warum wo Grenzen gezogen werden. Es ist sicherlich nicht unumstritten, den Fokus auf Länder zu richten, das ist ja etwas, was arg aus dem 19. Jahrhundert kommt. Aber ich denke, dass wir immer noch eine starke Verwurzelung haben in den Orten und Regionen, den Sprachen und Geschichten, von denen wir herkommen. Was nicht heißen muss, dass man nicht aufeinander hören und zugehen kann.

chilli: Culturescapes feiert 10-jähriges Jubiläum, und erstmals widmen Sie sich einer Stadt. Ist die Kulturszene Moskaus schon so vielfältig, dass eine Abdeckung Russlands einfach zu ausufernd wäre?
Cooiman: Ich will jetzt etwas Neues probieren, und wie in Moskau das urbane Zusammenlebenmüssen im Machtzentrum eines gigantischen Weltreiches passiert, ist sehr, sehr aufregend. Das ist eine neue Herausforderung, eine neue Scharfstellung auf die Thematik von Culturescapes. Was passiert, wenn sich die eben angesprochenen drei Elemente einengen auf eine Stadt?

chilli: Lässt sich die aktuelle Moskauer Kulturszene mit ein paar Schlagworten charakterisieren?
Cooiman: Schwerlich, da gibt es viele parallele Welten und Gesellschaften. Worauf wir unseren Blick richten, ist das Zeitgenössische und das politisch Engagierte, was das Sich-Widersetzen bedeutet im Theater-, Kunst- und Filmbereich. Künstler, die das angehen, was in Moskau gar nicht gut läuft. Denn das ist ja eine Stadt, die im Zentrum so verkitscht und nur für die Reichen gedacht ist, ein Lebensalltag für normale Leute findet da gar nicht mehr statt. Es gibt Umweltprobleme, Waldabholzungen in unmittelbarer Nähe, die wir genauso thematisieren wie den Umgang mit der nicht aufgearbeiteten Gulag-Vergangenheit. Das Widersetzen vermittelt sich natürlich oftmals nur indirekt, wie in der Literatur Vladimir Sorokins.

chilli: Das Programm von Culture-scapes ist wiederholt zum Politikum geworden, etwa im Türkei-Jahr oder auch 2011, als es beim Israelschwerpunkt einen Boykottaufruf pro-palästinensischer Gruppierungen gab. Wie stehen Sie zu solchen Protesten?
Cooiman: Grundsätzlich sind Auseinandersetzungen wichtig, und das Festival lebt von den Polen offizielle Staatskultur und freie Kulturszene. Ich möchte den Finger darauf legen, dass es da unterschiedliche Maßstäbe gibt, blinde Flecken und auch Instrumentalisierungen. Aber ich finde es mit Verlaub eine dumme Argumentation, wenn Leute sich nicht mehr mit guter Kultur beschäftigen wollen, weil man meint, damit repräsentiere sich ein böser Staat. Das Programm von Culturescapes ist ein sehr politisches, das ist seit zehn Jahren bekannt, das wird auch bei Moskau so sein. Auf der Linie der offiziellen, parteigelenkten Demokratie Putins agiert übrigens fast niemand in der Kunstszene, bis auf ein paar Top-Ensembles, die sich sonnen in der Gunst des Staates, aber auch die, wie zum Beispiel der Dirigent Valery Gergiev, haben eine kritische, eigene Stimme.

Text: Stefan Franzen / Foto: Juri Junkov

Publikationen zu Culturescapes Israel 2011 (links) und in diesem Jahr erstmals einer Stadt gewidmet – Culturescapes Moskau (rechts).

 

 

Info & Termine
Festival Culturescapes
in Basel und anderen Städten
ab 17.10.2012
www.culturescapes.ch