Am Abgrund

Märchenhafte Wälder, leuchtende Rapsfelder, himmlische Ruhe. Ein Jägersmann bahnt sich den Weg durchs dichte Unterholz. Deutschland ist ein schönes Land, wenngleich es in „Finsterworld“ etwas aus der Wirklichkeit gefallen scheint. Immerzu scheint die Sonne, und das Land ist leer – bis auf eine Handvoll Protagonisten. Die aber sind entweder einsam und sehnsuchtsvoll oder gemein und gewalttätig: Regisseurin Frauke Finsterwalder schaut in ihrem gelungenen Kinodebüt in das finstere Herz des modernen Menschen. Das Drehbuch hat die Spielfilmdebütantin gemeinsam mit dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht („Faserland“, „Imperium“) verfasst, der seine messerscharfen Gegenwartsanalysen gern in provokante Thesen verpackt. Die beiden zeigen ein (Deutsch)Land, dem es an vielen mangelt, nur nicht an Gefühllosigkeit.

Sandra Hüller verzweifelt als Dokumentarfilmerin an der Gleichgültigkeit ihres Protagonisten - und ist doch selbst zu keinem Gefühl mehr fähig.

 

Deutschland ist vieles in „Finsterworld“: ein Land der Einsamkeit, ein Land der Dunkelheit, ein Land der Sprachlosigkeit, ein Land der Gefühllosigkeit. Es ist ein gruseliges, bizarres Theater, das hier gespielt wird. Die verspulten Protagonisten wirken wie überzeichnete Karikaturen, sind bei genauem Hinsehen aber einfach nur aus dem Leben gegriffen und erzählen in einer deprimierenden Komödie von emotionaler Kälte und der Unfähigkeit miteinander zu reden.

"Mich hat so lange keiner berührt", seufzt Frau Sandberg (Margit Carstensen) nachdem sie von einem Kuss ihres Fußpflegers überrumpelt wurde.

 

Da fährt ein Fußpfleger (Michael Maertens) ins Altersheim und sucht Liebe bei einer Kundin (Margit Carstensen). Da fährt ein Streifenpolizist (Ronald Zehrfeld) zu einem „Furry“-Treffen, und sucht in der Plüsch-Fetisch-Szene die Zärtlichkeit, die ihm seine dokumentarfilmende Frau (Sandra Hüller) nicht geben kann. Da fährt ein Geschichtslehrer (Christoph Bach) mit einer Klasse gelangweilter Schüler in eine KZ-Gedenkstätte und sucht Interesse. Da fahren die Eltern (Corinna Harfouch, Bernhard Schütz) eines Jungsnobs (Jakub Gierszal) in ihrem abgeschotteten SUV-Panzer durch die Gegend und suchen Ruhe.

Finsterworld

 

Das Leben ist für sie alle irgendwie nur ein Ärgernis vor dem Tod. Mit Bildern von bedrückender Poesie und scharfzüngigen Dialogen, die hinter ihrem Witz nur schwer die Bitterkeit verbergen können, erzählt Frauke Finsterwalder von Traurigkeit, Kälte und Einsamkeit. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner hört dem anderen zu. “Finsterworld ist ein Film, der weh tut: In episodischen Kreisen, die immer mehr Schnittmengen offenbaren, zeigt der Film eine pervertierte Gefühllosigkeit, die sich längst unserer Wirklichkeit bemächtigt hat.

Finsterworld

 

Das Schöne daran: Das alles wird mit einer schnoddriger Beiläufigkeit erzählt, die ausreichend Raum für eigene Interpretationen und ganz persönliche Schockmomente zulässt. Nur das Ende auf einer leeren Straße am Wald lässt keine zwei Deutungen zu. Hier kumuliert die Hoffnungslosigkeit in absoluter Dunkelheit.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Alamode / Markus Förderer
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Finsterworld
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 95 Min.