Trau, schau, wem …

Barbara wartet. Eigentlich wartet sie den ganzen Film über. Und wir schauen ihr dabei zu. Die Geschichte, die Regisseur und Autor Christian Petzold erzählt, mutet auf den ersten Blick ziemlich dünn an. Streng genommen ist sie das auch. Aber der erfahrene Filmemacher weiß, dass er sich auf seine Darsteller verlassen kann. Sie machen was draus. Allen voran: Nina Hoss, die gefühlt in jedem Film Petzolds die Hauptrolle spielt (“Yella”, “Wolfsburg”, “Jerichow” …). Doch eigentlich geht es gar nicht wirklich um sie …

Barbara (Nina Hoss) versucht, ein unauffälliges Leben zu führen. Sie plant die Flucht aus der DDR.


Wäre die Berlinale 2012 nach sechs Tagen zu Ende gewesen, der deutsche Wettbewerbsbeitrag “Barbara” wäre vermutlich mit dem Goldenen Bären als bester Film ausgezeichnet worden. So überschwänglich waren die Lobeshymnen in der Presse. So aber triumphierte am Ende der italienische Film “Cesare deve morire” der Brüder Taviani. Petzold erhielt den Silbernen Bären als bester Regisseur, den er fraglos verdient hat. Wobei der 51-Jährige schon viel bessere Filme gedreht hat als diesen. Einfach macht er es dem Publikum jedenfalls nicht immer.

DDR also. Schon wieder. Wir blicken wieder nach drüben, ins Jahr 1980, als die Einheit noch in weiter, weiter Ferne war. Das Politische schwebt über der sehr persönlichen, kleinen Geschichte, die der Film erzählt, wird aber nur selten direkt sichtbar. Barbara (Nina Hoss) hat einen Ausreiseantrag gestellt. Der Staat reagiert auf seine Weise und versetzt sie als Ärztin in ein Provinzkrankenhaus, wo sie durchweg mürrisch und schweigsam ihrem Dienst nachgeht.

Was ist es, was Andre (Ronald Zehrfeld) so an Barbara interessiert?


Bald wird klar: Barbara hat eine Beziehung zu einem Mann aus dem Westen (Mark Waschke), der ganz offensichtlich ihre Flucht vorbereitet. Bis dahin gilt es für sie, den Kopf einzuziehen, unauffällig zu bleiben. Doch die Stasi hat ein Auge auf sie geworfen und malträtiert sie auf ihre Weise.

“Barbara” ist zuvorderst ein Beziehungsfilm und bezieht daraus seine besondere Spannung. Denn da ist Barbaras Chef in der Kinderchirurgie. Ronald Zehrfeld spielt diesen Andre, bei dem sich Zuschauer wie Barbara gleichsam fragen: Warum ist er so auffällig freundlich im Umgang mit seiner neuen Kollegin? Soll er sie im Auftrag der Stasi aushorchen? Ist er gar dabei, sich in sie zu verlieben? Oder schätzt er nur ihre offensichtlichen Qualitäten als Ärztin?

Barbara spielt mit. Beobachtet ihn genau. Und der Betrachter tut das ebenso durch ihre Augen. Auch wenn es der Titel des Films anders suggeriert: In gewisser Weise steht Andre mehr im Mittelpunkt als die weibliche Hauptfigur. Denn wie am Ende deren Weg aussieht, ahnt der aufmerksame Zuschauer leider schon viel zu früh, bedingt durch die auffällig präzise Einführung von Nebenfiguren. Es ist eine der großen Schwächen des Films: Gerne würde er sein Publikum mit dem Finale überraschen, doch das weiß längst, worauf alles hinausläuft.


Wie so oft in seiner Karriere hat Petzold einen betont stillen (Musik gibt es kaum) und charismatischen Film gedreht, der seinen Schauspielern freien Lauf lässt, aber ohne die ganz große Botschaft auskommt. “Barbara” erzählt nichts Neues. Nicht über die DDR, nichts über die Menschen, die unter ihr ein normales Leben führten und nichts über die, die unter ihr litten. Und doch ist das hier eingängiges Kunstkino, das ohne Klischees auskommt und auf geschickte Weise den Themenkomplex “Vertrauen und Misstrauen in einem Unrechtsstaat” ausformuliert.

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: Piffl Medien

Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 08.03.2012
Freigabealter: 6
Verleih: Piffl
Laufzeit: 108 Min.