Jürgen A. Messmer oder die Reise nach Lausanne

Er hat mit Schreibgeräten ein Millionenvermögen gemacht und ist spätestens nach dem Verkauf seiner Messmer Pen GmbH als Handlungsreisender in Sachen Kunst unterwegs: Jürgen A. Messmer gründete 2003 nach dem Tod seiner Tochter Petra die Messmer Foundation und eröffnete vor drei Jahren die Kunsthalle in Riegel – nachdem er in Freiburg wenig zuvorkommend behandelt worden war. Am ersten September eröffnet er seine neue Ausstellung „Werner Pawlok. Rückblick nach vorne“.

 

Seine berufliche Karriere startete Messmer in Unterkirnach, wo er aus einem Schwimmbecken das Wasser ließ, Leitern reinstellte und so sein erstes Lager hatte. Über Freunde hatte er Beziehungen nach Amerika, wenig später die ersten Aufträge für Werbekulis. Die Amis orderten große Kartons mit 4000 Stiften für 3500 Mark und verkauften sie in Übersee für 10.000 Dollar weiter an Händler. In Spitzenzeiten beschäftigte der 1987 nach Emmendingen übersiedelte Unternehmer dann rund 100 Mitarbeiter, zahlreiche Aushilfen und machte – bei stattlicher Rendite – zehn Millionen Euro Umsatz. Vor sechs Jahren fand er einen Käufer, der einige Millionen Euro zahlte. Wie viele? Der diplomierte Wirtschaftsingenieur lächelt nur.
Noch während seines Studiums kaufte Messmer die ersten Stahlstiche („aus Hochachtung vor der Technik“), den ersten Druck von Cézanne konnte er sich aber erst nach dem Examen leisten. Heute gehört dem 70-Jährigen der größte Teil des Nachlasses des 1972 gestorbenen Konstruktivisten André Evard. Für diese Art Kunst hatte er sich nicht zuletzt wegen Victor Vasarely, den Mitbegründer der Op Art, schon früh interessiert.

Das prägende Schlüsselerlebnis aber war sein erster Besuch beim berühmten amerikanischen Sammler Henry Drake. In dessen Villa hing fast alles, was im 20. Jahrhundert Rang und Namen hatte. Drake lud den Deutschen später in sein Chalet in die Schweiz, und Drake war es auch, der an einem sonnigen Tag im Jahr 1979 anrief und meinte: „Du musst sofort nach Lausanne kommen, ich habe was gefunden.“

André Evard: „Es ist eine moralische Verpflichtung, solche Sammlungen auch zu zeigen und sie nicht im Keller zu verstecken.“

 

Mehr wusste Messmer nicht, bis er einen Asiatika-Laden betrat. Dort hingen im Verkaufsraum unter der Decke Bilder von Evard, im Keller fanden sich weitere, insgesamt rund 800. Evards Frau hatte die Bilder zunächst in die Garage gestellt. Die Frau des Händlers war mit Evard befreundet gewesen. So kam der Händler an die Sammlung. Ein paar Tage später fuhr Messmer „mit einem Aktenkoffer voller Geld“ nach Lausanne und kaufte die 800 Werke umfassende Sammlung. „Im Nachhinein war das als Unternehmer schon leichtsinnig, dafür einen Kredit aufzunehmen.“ Was die Sammlung heute wert ist? „Ich weiß es nicht, es hat mich aber auch nie interessiert.“ Einmal musste er ein Bild verkaufen, „um die gestiegenen Zinsen zu bezahlen“.

1982 machte er seine erste große Evard-Ausstellung im Theater am Ring in Villingen, die erste in Deutschland. „Es ist eine moralische Verpflichtung, solche Sammlungen auch zu zeigen und sie nicht im Keller zu verstecken.“ 2006 wurde bei einem Gespräch mit dem Kurator Roland Doschka die „Schnapsidee“ einer Kunsthalle in Freiburg geboren. Nach dem Vorbild der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Oberbürgermeister Dieter Salomon fand die Idee gut, der Standort beim Ganter-Hausbiergarten war bald gefunden. Hernach entwickelte sich aber ein Gezerre, das Messmer bald zu viel wurde. Stefan und Jörg Gisinger umwarben den Sammler und begeisterten ihn schließlich für eine Kunsthalle in der alten Riegeler-Brauerei.
Die Werke für die Ausstellungen kommen mittlerweile von vielen anderen renommierten Museen und Galerien. „Ohne private Kontakte geht das nicht, du musst die Entscheider kennenlernen, dich bei Anlässen blicken lassen, viel unterwegs sein, eine hohe Handyrechnung akzeptieren und du musst dir vor allem einen guten Ruf erarbeiten“, erzählt Messmer beim Redaktionsgespräch. Zum Ruf gehört auch die Frage, wie ausgestellt wird. „Du kannst nicht Bild neben Bild hängen, es braucht eine inhaltliche Spannung, deswegen haben wir auch die Kabinette.“

Er habe für die Leihgaben von Frieder Burda oder der Sammlung Würth noch nie etwas bezahlen müssen – er muss vielmehr deren Sicherheit garantieren und den Transport bezahlen – und das geht durchaus ins Geld. Messmer verleiht Werke meistens auch kostenlos – obwohl der Privatier seiner Foundation immer wieder Geld geben muss. Ein lohnendes Geschäft ist eine Kunsthalle nicht. 24.000 fanden im vergangenen Jahr den Weg nach Riegel. Dort steht nun bis 2014 der Ausstellungsplan. Was wäre Jürgen Messmer, wenn man ihm seine Kunsthalle wegnähme? „In solchen Momenten bin ich stoisch, dann soll es so sein.“

Evard-Bild: „Ohne Titel, 1913“. Rund 800 Werke umfasst die Sammlung.


Text: Lars Bargmann
Fotos: privat, Kunsthalle Messmer


Info & Termine
Aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Messmer
1. September 2012 bis 27. Januar 2013 –
„Werner Pawlok. Rückblick nach vorne“. Der Stuttgarter Fotograf, Preisträger des New Yorker Filmfestivals und Fotograf des Jahres, zeigt einen Querschnitt aus drei Jahrzehnten seines fotografischen Schaffens.

www.kunsthallemessmer.de