Tristesse Ost & West

Ole hält sich immer in Grenzbereichen auf. Jetzt, mit 40, fristet er sein Dasein in einer tristen Raucher-Kneipe irgendwo im ostdeutschen Niemandsland – im Helsinki, dessen Tage wegen der bevorstehenden Öko-Modernisierung der Gegend gezählt sind. Früher, vor 23 Jahren, war er Punk, bekennender Punk, mit allen zugehörigen Styling-Merkmalen. Was ihn in der damaligen Tschechoslowakei zu einer Randexistenz gemacht hatte.

 

Dabei war er gar nicht der Einzige. Als die Toten Hosen 1987 ein Konzert in Pilsen gaben, pilgerte er mit Tausenden Gleichgesinnten dorthin. Und traf Nancy, in die er sich unsterblich verliebte. Doch sie kam kurz darauf ums Leben – bei Oles einzigem Versuch, eine Grenze zu überwinden: die zum Westen. So blieb ihm nur Nancys Tagebuch über ihren Alltag in und mit der Ost-Tristesse, mit dem beredten Namen „Tal der Hohlköpfe“. Und ein überwältigendes Schuldgefühl.

 

Nun, da ihn die heranrückenden Modernisierungsbagger zu einer Pause zwingen, reist er noch einmal an diese Grenze. Und begegnet dem Mann, der sie damals verraten hat. Ein Buch wie ein Rausch, von dem man nicht genug bekommen kann: Schnell und dennoch präzise geschrieben, teilweise fast atemlos – man mag es gar nicht mehr aus der Hand legen.

 

Text: Erika Weisser

 

Cover-Buchrezi_1
Jaroslav Rudiš
Vom Ende des Punks in Helsinki
352 Seiten, Taschenbuch
Luchterhand, 2014
14,99 Euro