Finnische Autoren und ihre Figuren, heißt es, kultivieren gerne den Eigensinn. Zu den eigensinnigsten und eigenwilligsten gehört Sofi Oksanen. In ihren Romanen lässt sie die Schrecken und Träume von Menschen aufleben, die ihr Leben unter diktatorischen Besatzungsmächten fristen. Mit ihrem ersten Roman „Fegefeuer“ wurde die 1977 geborene Autorin international bekannt. Auch ihr neues Buch befasst sich mit der Komplexität eines Lebens in Zeiten der Besatzung. Es spielt im Land ihrer Mutter, in Estland.

Roland und Edgar sind Cousins – und so verschieden, wie man es nur sein kann: Während Roland in der nazi-deutschen Besatzungszeit im Untergrund für die Selbstbestimmung kämpft, verbündet sich Edgar mit den Machthabern. Zu Karrierezwecken bietet er einem Wehrmachtsoffizier seine ahnungslose Frau an. Und die Namen und Verstecke von Freiheitskämpfern. Die Rechnung geht auf: Der Verräter klettert in der Hierarchie nach oben und bleibt auch dort, als die Russen das Ruder übernehmen. Er spielt sein heimtückisches Intrigenspiel weiter. Die Menschen, die ihm nahe standen, bleiben auf der Strecke.

Oksanen seziert das Böse, das Menschen anderen zufügen können, nicht nur unter den Bedingungen auswegloser Unterdrückung. Ein detailreiches und dennoch spannendes Werk.

Text: Erika Weisser

Als-die-Tauben-verschwanden
Sofi Oksanen
Als die Tauben verschwanden
432 Seiten, gebunden
Kiepenheuer und Witsch, 2014
19,99 Euro