Schon vor seiner Reise nach Nigeria wusste der Ich-Erzähler, der vielleicht auch der Autor ist, dass er dort allenthalben der Korruption begegnen würde – schließlich hatte er seine Kindheit in der Hauptstadt Lagos verbracht. Unklar hingegen war ihm, dass er schon in seiner Wohnstadt New York mit ihr in Berührung kommt: Um rechtzeitig in den Besitz eines nigerianischen Reisepasses zu gelangen, muss er dem zuständigen Sachbearbeiter des Konsulats eine Sondergebühr bezahlen.

 

Nach 15 Jahren USA will der doppelte Staatsbürger nun zurück zu den Wurzeln, „nach Hause“. Und kommt in ein Land, das er als von sich selbst zermürbt empfindet, übrigens nicht nur wegen der Korruption, die ihn regelrecht verfolgt. Er erlebt Chaos, Stillstand, Fatalismus, die Flucht ins Religiöse. Er sieht seine Heimat als ein Land ohne Geschichtsbewusstsein, ohne Zukunftsvision, ohne eine andere Gegenwartsbewältigung als die der Improvisationskunst.

 

Zorn wird spürbar. Der Zorn eines Menschen, der überzeugt ist, dass dieses Land Besseres verdient hat. Die Wut eines Identitätssuchenden, der erkennt, dass die Distanz stärker wird als die Verbindung. Und der vielleicht seine eigenen Widersprüche entdeckt. Womöglich wollte Cole einen gut geschriebenen Reisebericht vorlegen. Es ist mehr draus geworden.

 

Text: Erika Weisser

"Jeder Tag gehört dem Dieb" von Teju Cole

 

 

 

 

Teju Cole
Jeder Tag gehört dem Dieb

176 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, 2015
18,90 Euro