Schluss mit nett!

Draußen knospt es. Doch da ist einer, dem das Blühen und Sprießen vor dem Fenster kein beseeltes Frühlingslächeln ins Gesicht zaubert. Der am liebsten schon zum Frühstück mit einem Schild um den Hals erscheinen möchte, worauf geschrieben steht: „Nein! Ich gehe nicht mit dir ins Gartencenter!“

Der Mann in Jess Jochimsens atemloser Tour de Force verweigert sich nicht nur der ‚Pärchenscheiße‘ im Gartencenter, der Anschaffung eines Familienhundes und der abendlichen TV-Show-Berieselung. Er will aus allem aussteigen, was so erschreckend alltäglich geworden ist, aus dem ‚Nettigkeitsgetue‘ und den eingeimpften Denkmustern, aus dem Selbstdarstellungstheater und dem Anpassungsdruck. Er hat aufgehört, zu funktionieren und fragt sich, wie bloß die anderen ihr Leben meistern, die ‚Normal-Glücklichen‘.

Er redet ohne Unterlass, weil Reden einen vermeintlichen Schutzraum bietet: „Es ist doch so: Solange ich hier sitze und rede, passiert nichts.“ Dabei hat das Drama schon lange stattgefunden. Der übermächtige Satz „Was sollen die Leute denken“ ist in Fleisch und Blut übergegangen, das eigene Leben ist zum Second Life geworden, wirkungsorientiert und unwirklich. Ein tragischer Monolog, zutiefst bedrückend und immer wieder aber auch befreiend komisch.

Nicole Kemper

von Jess Jochimsen
Verlag: dtv, 2011
Seitenzahl: 80, broschiert
Preis: 9,90 Euro