Wenn heute jemand Tocotronic kritisiert, wirkt das, als würde er sich mit dem Horizont anlegen. So steht es geschrieben in der Presse-Mappe zum elften, zum Roten Album der Hamburger Vorzeigeschüler des deutschen Pop. Na denn mal los, denkt sich der Kritiker. Wo bitte geht’s hier zum Horizont?

CD-Tipp: „Das rote Album“ von Tocotronic

 

Der SPIEGEL schreibt von einem Meisterwerk. Die ZEIT spaziert mit Sänger Dirk von Lowtzow in Berlin herum und würde mit dem am liebsten einfach nur Tocotronic-Lieder singen. Ja, dann trällert mal schön, denke ich und vermisse die Stromgitarre. So ein angezärteltes Album, das ganze Frühlingshafte, Leichte, Romantische, die Streicher … Und plötzlich lässt „Zucker“ den Gitarristen Rick McPhail von der Kette, in „Jungfernfahrt“ heißt es: „Das Böse kommt auf leisen Sohlen / In unsere junge Welt / Man hat die Blitzableiter / Hastig aufgestellt.“

 

Na gut, wenn der STERN Tocotronic als klügste deutsche Band bezeichnet, ist das nicht völlig falsch. Aber: Das Album „Schall und Wahn“ war musikalisch besser, weil nicht so popverliebt, und beim diesjährigen Rock am Ring eröffnete die Band auch nicht zufällig mit „Ich bin viel zu lang mit Euch gegangen“ (vom Album „Es ist egal, aber“). Da rockte das Haus, das sei dem Horizont ins breite Grinsen getackert. Da fängt der versteckte Song an: Es plätschert ein Bächlein, die Vöglein tschirpen, Aus.

 

Text: bar

 

Tocotronic
Das rote Album
Edition Elster/Hanseatic
Musikverlag/Warner/Chappell Music