Austin: Ökos, Live-Musik & Fledermäuse

Waffen, Todesstrafe, große Autos: Gerade im Präsidentschaftswahlkampf präsentiert sich Texas als erzkonservativer Bundesstaat. Wer als Besucher nach Austin kommt, merkt aber schnell, dass die Bewohner der texanischen Hauptstadt gegen dieses Image ankämpfen. So gilt Austin als eine der liberalsten Städte des amerikanischen Südens – demokratischer Bürgermeister und Öko-Lifestyle inbegriffen.


Der Blick in die Nachrichten verheißt nichts Gutes. Gleich zwei Tote an nur einem Tag – in ein- und derselben Stadt. Vor einem Wal Mart ist ein Polizist ohne Vorwarnung erschossen worden, während in einem Wohngebiet ein Verdächtiger auf der Flucht starb. Waffen, Schießereien, Kriminalität: Willkommen in den USA, könnte man denken. Doch Austin, die texanische Hauptstadt, die im Präsidentschaftswahlkampf vor allem durch ihre erzkonservativen Politiker in den Medien landet, erfüllt das Klischee nur auf den ersten Blick. Mit dem Texas, in dem George W. Bush zur Welt kam, hat die moderne 800.000-Einwohner-Metropole heute jedenfalls nichts mehr gemeinsam.

Das erste Anzeichen, dass Austin anders ist: überall Fußgänger! Zwischen den Bankfilialen, Hotelhochhäusern und Supermärkten der Innenstadt drängen sich händchenhaltende Pärchen, Jogger und Hundebesitzer, um zur grünen Lunge der Stadt zu gelangen. Dort, rund um den zentralen Lady Bird Lake, scheint halb Austin unterwegs zu sein. Auf dem Wasser paddeln ein Dutzend Kajakfahrer, während etwa 20 Hunde ohne Leine die Parkwege entlanglaufen. „Wer braucht schon eine Leine, wenn Tierliebe die beste Verbindung ist?“, sagt Chris Rowls (21), als er mit einer Touristengruppe über den See schippert. „Wir sind die Hauptstadt der Live-Musik, in der jeden Abend etwas los ist“, ergänzt Chris mit unverkennbarem Stolz. Bars ohne Ende gibt es zum Beispiel auf der Red River Street.


Tatsächlich sieht das nicht nur der Touristenführer so. Austin gilt als eine der am schnellsten wachsenden Städte der USA. Durch die boomende IT-Branche kommen jedes Jahr geschätzte 60.000 Einwohner hinzu, was den demokratischen Bürgermeister freut, aber auch vor Herausforderungen stellt. „Der öffentliche Nahverkehr ist für so viele Menschen viel zu schlecht ausgebaut“, findet Molly Odnitz (22), die einmal pro Woche ehrenamtlich im alternativen Buchlanden „MonkeyWrenchBooks“ arbeitet (110 E North Loop Blvd). „Unsere Regierung sollte mehr Geld für Radwege ausgeben, anstatt es in neue Highways zu pumpen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, schickt sie regelmäßig Petitionen an Politiker, die sie trotzdem für durchweg korrupt hält: „Die Republikaner“, glaubt sie, „ändern jedes Jahr die Wahlbezirke so, dass die Machtverhältnisse erhalten bleiben.“ Nachzulesen sind diese Behauptungen in zahlreichen Werken, die der Buchladen – neben Mao, Marx und Martin Luther King – im Bestand hat. Dass Austin einen sehr liberalen Lebensstil verkörpert, ist für die Frau eine Reaktion auf das biedere Cowboy-Image des Bundesstaates: „Das provoziert eben eine solche Reaktion. Wahrscheinlich sind wir hier in manchen Punkten sogar fortschrittlicher als in Kalifornien.“

Ein paar Kilometer weiter, auf einem „Farmers Market“, wird diese Fortschrittlichkeit deutlich. Regionale Produzenten bieten glutenfreie Muffins, Bio-Eier und kostenlose Tragetaschen aus Leinen an. Was in Deutschland als kleiner Wochenmarkt durchginge, ist im Süden der USA eine Attraktion. Eine Agentur macht damit Geld, indem sie geführte Touren anbietet. Motto: „Austin Eats“ – gesünder leben durch Bio-Produkte (www.austineatsfoodtours.com; ab 65 Dollar inkl. aller Speisen). Wem das zu viel Geld ist, der möge durch die Straßen rund um die University of Texas spazieren. Dort, mitten in der City, gibt es so ziemlich alles zu kaufen – inklusive teurer Souvenirs im Uni-Shop (2246 Guadalupe Street).


Im Szeneviertel „Soco“ im Süden der Stadt ist das anders. Hier schlendern auch Einheimische immer wieder entlang, wobei die Grenze zwischen authentischem Lifestyle und Touristen-Themenpark dahinfließt. Die meisten Besucher zieht es zu den Fressbuden am Straßenrand, die von jungen Leuten aller Nationalitäten betrieben werden. „Trailer Food“ nennen die Amerikaner den Trend, der sich wachsender Beliebtheit erfreut. Neben chinesischen Nudeln haben die rollenden Imbissstände Bockwürste („German Wurst“), vegane Tacos, frittierte Garnelen und Cupcakes im Angebot. Und optische Reize: Giftgrüne Biertische buhlen mit Plüsch-Sonnenschirmen, Werbeschildern in Cupcake-Form und menschengroßen Cowboy-Stiefeln um die Aufmerksamkeit der Besucher. Diese wirken in ihren Shorts und Polo-Shirts gegen die Soco-Bewohner schon fast bieder. Denn im Hippie-Viertel scheinen lange Bärte, bunte Sonnenbrillen und selbst bemalte T-Shirts als normale Kleiderordnung zu gelten.


Kurz vorm Sonnenuntergang: An der South Congress Avenue Bridge, die das Szeneviertel mit der Innenstadt verbindet, drängeln sich Schaulustige – jeden Abend, Touristen und Einheimische gleichermaßen. Denn in den Dehnungsfugen der Brücke lebt seit den 80er-Jahren die größte urbane Fledermauskolonie Nordamerikas. Und die ist hungrig: Sobald abends die Sonne untergeht, schwärmen 1,5 Millionen Tiere aus zur Insektenjagd. „Deshalb gibt’s in Austin so gut wie keine Mücken“, ruft Captain Chris, der in diesem Moment mit seinem Boot direkt unter der Brücke entlangschippert. Nicht immer sind die Bewohner von Austin so locker mit ihren flatternden Untermietern umgegangen. Als sie nach einer Brückensanierung in den 80er-Jahren erstmals in den Dehnungsfugen des Bauwerks nisteten, brach Panik aus. Aus Angst vor Tollwut und anderen Krankheiten blies die Stadtverwaltung zur Ausrottung der Tiere – bis Umweltschützer intervenierten. 

Text & Fotos: Steve Przybilla

Infos

Anreise: Von Frankfurt aus fliegt zum Beispiel Lufthansa nach Austin. Tickets für Hin- und Rückflug ab 600 Euro. Im Zentrum von Austin sind die meisten Ziele gut zu Fuß zu erreichen, ansonsten bieten Taxis eine zuverlässige und bezahlbare Alternative.

Unterkunft: Mehrere Mittel- & Oberklasse- Hotels in der Innenstadt, etwa das Hyatt (DZ ab 200 Euro) oder das Radisson (DZ ab 150 Euro mit Blick auf die Fledermaus-Brücke). Am Interstate Highway 35 liegen zahlreiche günstige Motels (DZ ab 40 Euro).

Infos: Kostenlose Broschüren und Stadtpläne beim Austin Visitor Center, 209 E. Sixth Street, das einen Reiseführer auch vorab per Post verschickt (3 Dollar).

www.austintexas.org